© Hayley Eichenbaum

#deichtorhalleninstatalk über Architekturfotografie auf Instagram

VON ANIKA MEIER    Anlässlich der Ausstellung ELBPHILHARMONIE REVISITED, in der internationale Künstler das Geäude der Elbphilharmonie und Architektur im Allgemeinen zum Thema ihrer Werke gemacht haben, haben wir mit drei Fotografen gesprochen, die im sozialen Fotonetzwerk Instagram für ihre Architekturfotografie bekannt sind. Im Gespräch geht es um ihre Arbeit, Instagram und Architektur, die sie fasziniert. Hayley Eichenbaum fährt mit ihrem Auto die Route 66 entlang, um Ruhe vor ihrer Angststörung zu finden. Matthias Heiderich ist überall unterwegs, um die Welt um sich herum in seinen Fotos zumindest ein wenig aufzuräumen. Und Thaddeus Zupancic läuft durch London, um brutalistische Architektur zu dokumentieren.

 

HAYLEY EICHENBAUM: »2.450 Meilen Kitsch«
Hayley Eichenbaum, auch bekannt als @inter_disciplinary, ist unter den Fotografen auf Instagram ein kleiner Viralhit. Man muss wahrscheinlich lange suchen, um ein Magazin oder ein Blog zu finden, das ihre Bilder noch nicht gezeigt hat. Hayley spricht ganz offen über ihre Angststörung und wie ihr die Fotografie geholfen hat, besser damit leben zu können. Sie fährt mit ihrem Auto und ihrer Kamera im Gepäck die Route 66 entlang, um sich zu beruhigen und macht dabei Fotos, so surreal, bunt und aufgeräumt, als wären es Standbilder aus einem Hollywood-Film, den es leider noch nicht gibt. 

Bist Du eine rastlose Seele, die mit der Kamera die Welt bereist?
Eine ängstliche Seele, das würde mich besser beschreiben. Jahrelang habe ich meine Angst in Installationen und Performances kanalisiert. Konzeptionelle Gesten vor einem kritischen Publikum zu performen, hat mir geholfen, mich mit meiner Panikstörung zu konfrontieren. Dennoch, wenn man aus der Schule raus ist, verliert man Publikum und Mentoren. Ich bin zurückgerutscht, war wieder träge und ängstlich.

Kurz nachdem ich 2013 am Milwaukee Institute für Art und Design meinen Abschluss gemacht habe, fand ich heraus, dass es mich beruhigt, wenn ich lange Strecken ohne Ziele fahre. Weil ich eine Kamera bei mir hatte, begann ich mich auf die Straße und die Umgebung zu konzentrieren anstatt auf meine Ängste. Ich habe gehört, wenn ein Kind anfängt zu schreien und man kann es nicht beruhigen, soll man mit dem Kind im Auto durch die Gegend fahren, weil Klang und Bewegung ähnlich sind wie im Mutterleib. Das Autofahren hat diese Wirkung auf mich.

Wie findest du deine Fotos, wenn du unterwegs bist?
Was mich zuerst anzieht, ist Farbe. Das Zweite ist architektonische Geometrie. Das Dritte ist eine eindrucksvolle Himmelslandschaft. Ich bin mehrere Monate durch den amerikanischen Mittelwesten und den Südwesten gefahren, um diese Orte zu finden. Manchmal verweile ich Tage, manchmal Wochen an einem Ort, bis das perfekte Wetter da ist. Und ich verfahre mich. Sehr oft. Oft absichtlich. Es fühlt sich einfach nicht nach einem Abenteuer an, wenn die Navigations-App jede Bewegung steuert.

Was muss ein Foto für dich haben?
Außer der Farbe, sind die Balance des Bauwerks und die es umgebende Natur entscheidende Faktoren. Die Bauwerke, die mich anziehen, bewegen sich irgendwo zwischen modern und postmodern. Oft sind es Fassaden von etwas, das einst sehr geliebt wurde.

Es ist schwer sich vorzustellen, dass Gebäude und Orte wie diese existieren.
Würdest Du auch sagen, dass deine Fotos ein wenig kitschig sind?

Ich suche nach Kitsch, wenn ich reise, was später die Bearbeitung der Bilder einfacher macht. Wenn ich bearbeite, verstärke ich und räume nur auf, was schon da ist. Deshalb ist die Route 66 einer meiner Lieblingsspots zum Fotografieren. 2.450 Meilen Kitsch. Ein Bild ist fertig, wenn es aussieht wie eine Filmkulisse – surreal und irgendwie unfassbar.

Deine Fotos sind viral gegangen. Hat Instagram etwas für dich verändert?
Instagram hat die letzten vier Jahre meines Lebens geprägt (und meine Zukunft). Nachdem ich meinen BFA erhalten habe, hatte ich ganz andere Karrierevorstellungen. Dann habe ich angefangen, meine Reisen auf Instagram zu teilen und habe schnell gemerkt, dass ich da etwas Größeres angestoßen habe. Die Plattform hat mich zurück zu einer Gemeinschaft und Inspiration geführt, die ich nach meinem Abschluss verloren hatte. Ich verdanke Instagram all das, was ich gerade machen kann.

Welche Fotografen inspirieren dich?
Meine Einflüsse habe ich durch Instagram gefunden. Die Fotografin Petra Collins, sie ist jung und mutig und hat jetzt schon so viel erreicht. Matt Henry verbindet zwei meiner liebsten Dinge: Palm Springs und die Kultur der 60er. Und seit Jahren bin ich einer der größten Fans der Selbstporträts von Juno Calypso.

Und welchen drei Fotografen sollten wir alle auf Instagram folgen?
Drei, das ist schwierig. Aktuell interessiert mich @sarahbahbah sehr. Ich bin besessen davon, wie sie ihre auf das Weibliche konzentrierte Fotografie präsentiert, als wären es Standbilder mit Untertiteln. Von @kelseyemc gibt es eine Serie mit dem Titel »Wardrobe Snacks.« Sie ist außerdem die Königin, wenn es darum geht, fein zurecht gestutzte Hecken zu finden. @aleia ist eine kreative Kraft. Ich bin mir sicher, dass wir noch mehr von ihr zu sehen bekommen werden. Jeder, der ein Fan von Miniaturen und herumkriechenden Schnecken ist, wird verstehen, was ich meine.

© Hayley Eichenbaum

© Hayley Eichenbaum

© Hayley Eichenbaum

 

MATTHIAS HEIDERICH:»Ich möchte meine Umwelt aufräumen«
Matthias Heiderich ist Fotograf und lebt in Berlin. Das sagt er zumindest. Denn wenn man sich seine Fotos auf Instagram unter @matthiasheiderich ansieht, hat man schnell das Gefühl, dass er permanent mit seiner Kamera von Ort zu Ort zieht, um Architektur zu fotografieren. »Eigentlich bin ich Computerlinguist«, erzählt er, sobald er auf seine Fotografie angesprochen wird. Im Jahr 2011 hat er sich entschlossen, Freelancer zu werden und lebt seither von seiner Fotografie. Zwei Fotobücher sind bisher von ihm erschienen: »Spektrum Berlin« (2014) und aktuell »Alveare«. Auf Instagram hat Matthias über 54.000 Follower, seine minimalistischen, oft bonbonfarbenen Architekturaufnahmen fallen im sozialen Fotonetzwerk auf, in dem sonst eher Kaffee, Avocado-Toast und Selfies an der Tagesordnung sind.

Wonach suchst du, wenn du losziehst, um Fotos zu machen?
Was ich suche, hängt vom Projekt ab, an dem ich arbeite. Ich sammle zum Beispiel Locations, die ich mal besuchen möchte, in einem großen digitalen Ordner. Meistens stoße ich über Blogs oder Instagram auf die Orte und markiere sie auf einer Google Map.

Manchmal sind die Orte durch das Projekt bereits vorgegeben, aber meistens versuche ich mich nicht einschränken zu lassen und offen zu bleiben – und wenn das zeitlich möglich ist, entdecke ich am liebsten Motive während urbaner Wanderungen. Ich suche dann nach Gebäuden, Szenen und Orten, die mich auf irgendeine Weise interessieren, sei es aufgrund ihrer Seltsamkeit, ihrer Farbigkeit, ihrer Struktur und Beschaffenheit oder weil Gegensätze sichtbar werden.

Worauf achtest du, wenn du Architektur fotografierst?
Für mich ist wichtig, dass meine Fotos nicht zu komplex werden. Meine Fotos zeigen häufig Ausschnitte, Details und blenden den Kontext aus, um unnötige Information außen vor zu lassen. Wenn ich Architektur fotografiere, suche ich im großen Ganzen nach kleinen Szenen und Details, die für sich stehen können. Ich möchte oft meine Umwelt aufräumen und in eine Ordnung bringen, die auf mein Auge harmonisch wirkt.

Zugegebenermaßen zeige ich auch manchmal gerne das Gegenteil. Und hin und wieder freue ich mich auch einfach darüber, absurde Architektur oder skurrile Szenen festzuhalten, die mir begegnen. Was ich zeigen möchte? Vielleicht das, was man häufig übersieht, wenn man es zu eilig hat ­– und wie vielfältig die vom Menschen erschaffene Welt ist.

Warum nutzt du als Fotograf Instagram?
Instagram ist für mich eines von mehreren sozialen Netzwerken, die ich nutze, um meine künstlerischen Arbeiten zu zeigen, um auf Ausstellungen oder Buchreleases hinzuweisen, um unfertiges Material vorzustellen und nicht zuletzt um mit anderen Fotografen und Nicht-Fotografen in Kontakt zu bleiben bzw. auf dem Laufenden zu sein, was sie gerade tun und wo sie gerade unterwegs sind.

Man kann viel Gutes auf Instagram entdecken, aber man muss eben auch viel Schlechtes ausblenden können. Instagram ist für mich ein Arbeitstool geworden. Es lohnt sich bisher für mich, dort viel Zeit zu verbringen, um das zu finden, was mich interessiert und weiterbringt bei meiner eigenen Arbeit.

Welche Fotografen sind deine Vorbilder?
In der Anfangszeit meiner Fotografie habe ich einige Fotografen für mich entdeckt, die in der Summe großen Einfluss auf das hatten, was ich über die letzten Jahre an Material produziert habe. Besonders fallen mir da Christoph Morlinghaus, Josef Schulz und Matthias Hoch ein.

Was ich an deren Arbeiten schätze und mich auch generell an derartigen Fotografien fasziniert, ist die Ruhe, die Aufgeräumtheit, das Einfache und Schnörkellose, die Fähigkeit das Gesehene auf elegante Weise in ein gut komponiertes Foto zu übersetzen und dabei handwerklich präzise und technisch professionell vorzugehen.

Und auf Instagram: welchen drei Fotografen sollten wir alle folgen?
Auf Instagram sollten wir alle zum Beispiel @ramenpolanski, @matt_portch und @stepegphotography folgen.

© Matthias Heiderich

© Matthias Heiderich

© Matthias Heiderich


THADDEUS ZUPANCIC:
»Verdeckte Verfolgung« von Gebäuden
Thaddeus Zupancic, @notreallyobsessive auf Instagram, ist ein ehemaliger Radiosprecher und Journalist. Er zog 1991 nach London und begann beim BBC World Service zu arbeiten, wo er später auch blieb. Im Juli 2015 legte er sein Instagram-Konto an, einige Wochen bevor die britische Regierung beschloss, die brutalistische Wohnanlage Robin Hood Gardens in Poplar, Ost-London nicht vor dem Abriss zu bewahren. Diese Entscheidung war der Grund dafür, warum er begann systematisch moderne und brutalistische Gebäude in London zu fotografieren, sowohl die als sicher erachteten als auch die von Abriss oder Sanierung bedrohten. Sein Feed ist inzwischen eine Mischung aus hochkarätigen Klassikern – wie dem National Theatre von Denys Lasdun und dem Barbican von Chamberlin, Powell & Bon – und profaneren, allerdings gesellschaftlich bedeutenden Nachkriegs-Wohnanlagen. Seine Fotos sind mit Angaben über Gebäude versehen – und gelegentlich bissigen Kommentaren über den Zustand der modernen Architektur oder Gesellschaft.

Wonach suchst du, wenn du dich aufmachst, um zu fotografieren? Hast du immer eine Stelle im Sinn, die du gerne festhalten möchtest? Wie findest du die Orte überhaupt?
Ja, auf jeden Fall. Das habe ich normalerweise. Bei drei oder vier Gebäuden in London sind diese Stellen nur Wunschdenken, weil sie ganz und gar unzugänglich sind – oder in der Luft liegen – und dann musst du improvisieren. Aber was den Rest angeht, ja, ich bin ganz gut darin, an Stellen heranzukommen, von denen ich ein Foto machen kann. Ich bin in diesen Wohnanlagen und anderen Gebäuden

schon sehr lange unterwegs – ich nenne das »verdecktes Verfolgen« –, so dass das Fotografieren sich manchmal wirklich so anfühlt, als ob ich ein Foto von einem bereits vorhandenen Bild in meinem Kopf mache. Nicht bei allen, natürlich, es gibt Teile der Stadt, die ich Jahrzehnte lang vernachlässigt oder ignoriert habe.

Aus vielerlei Gründen muss ich schnell und so unauffällig wie möglich arbeiten. Außerdem habe ich nur eine kleine Kamera, eine sehr brauchbare Sony DSC-HX50. Das bringt natürlich Einschränkungen und Vorteile mit sich, besonders weil ich weder Photoshop noch Instagram-Filter verwende. Ich passe Fotos an oder begradige sie und ändere vielleicht die Helligkeit und den Kontrast, aber sie sind, denke ich, tatsächlich Fotos von Gebäuden »so wie man sie vorfindet«. Wie Elain Harwood sagte, Brutalismus verlangt nach »rigoroser Ehrlichkeit«. Das bringt es auf den Punkt.

Was ist für dich wichtig, wenn du ein Foto von Architektur machst?
Ich bin weder ein professioneller Fotograf noch ein Architekt, aber ich versuche, eine Geschichte zu erzählen, sowohl mit jedem Foto an sich – sei es von einem ganzen Gebäude oder nur von einem Detail – als auch mit dem narrativen Aufbau des Feeds. Wenn überhaupt, würde ich mich eher als einen Dokumentaristen sehen wollen. Das bedeutet auch, dass alle kontextbezogenen Informationen über ein Gebäude oder ein Gebäudeensemble – Architekt, Baujahr, Fertigstellung und so weiter – dem Foto beigefügt sein müssen. Oder anders gesagt: keine Information, kein Foto. Manche Informationen sind leicht zugänglich, aber vieles ist es nicht.

Zugegeben, ich habe absolut nichts dagegen, Stunden in diversen Archiven zu verbringen und ich denke, mein Profilname ist im Grunde nur halb-ironisch gemeint… Ich liebe Recherchearbeit, vor allem weil eine Sache – oder eine Wohnsiedlung – in der Regel zur nächsten führt. Das ist auch gut, weil ich im Prinzip ein Komplettist bin: Ich nehme es mir vor, alle von einem gewissen Architekten oder Architekturbüro entworfenen Gebäude, für die ich mich interessiere, »verdeckt zu verfolgen«, zumindest in London.

Gibt es Fotografen, die dich inspirieren?
Ja, natürlich, unbedingt. Angefangen mit Edwin Smith, Lucien Hervé, Wolfgang Sievers und Julius Shulman. Und dann gibt es noch Hélène Binet, Nicolas Grospierre, Simon Phipps, Roberto Conte, Darren Bradley, Simon Kennedy und Daniel Hewitt. Und Rut Blees Luxemburg natürlich. Ich bewundere auch Wolfgang Tillmans, sowohl als Künstler als auch in letzter Zeit als politischen Aktivisten. Aber ich denke, der Fotograf, der mich am meisten inspirierte, war Axel Hütte.

Ich benutzte sein »London: Photographien 1982-1984« als Führer durch Londons Wohnanlagen, als ich begann, sie in den frühen 1990er Jahren zu erkunden. Die Klarheit, Intensität und verhaltene Schönheit – sowohl von den Anlagen als auch von Hüttes Werk – sind faszinierend. Ich habe mein Exemplar des Buches irgendwo verloren, also wenn jemand eins übrig hat, für einen vernünftigen Preis und nicht für den irrsinnigen bei Amazon, lasst es mich wissen. Vielen Dank.

Wer sind die drei Fotografen, denen wir alle auf Instagram folgen sollten?
Eine Top 3 ist ein ziemlich unbarmherziger und ungewohnter Gedanke, oder? Dennoch, hier sind sie: @brutal_architecture wegen des Enthusiasmus, der Information und Spannung, @alex.out.of.the.blue wegen der Makellosigkeit und @decorhardcore wegen des Überschwangs und der Zielsetzung. Kann ich jetzt bitte noch zwölf weitere meiner Favoriten auflisten?
(Übersetzung: Fjodor W. Donderer)

Bevin Court by Skinner, Bailey and Lubetkin; 1951-54. © Thaddeus Zupancic

Balfron Tower, Brownfield Estate, by Ernő Goldfinger; 1965-68. © Thaddeus Zupancic

National Theatre by Denys Lasdun & Partners; 1969-77. © Thaddeus Zupancic

Anika Meier lebt und arbeitet in Hamburg und im Internet. Sie ist freie Autorin. Für das Monopol Magazin schreibt sie in ein Blog über Fotografie und soziale Medien. Auf Instagram teilt sie ihre Fotos als @gert_pauly, wo sie auch mit der This Ain’t Art School spielt.

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