Alfred Eisenstaedt: VJ Day, Times Square, NY, 14. August 1945 (Detail) © Alfred Eisenstaedt, 2014 Leica Camera AG

Der fremde Kuss – Über das berühmte Foto von Alfred Eisenstaedt

VON MATTHIAS SCHÖNEBÄUMER  Wer kennt dieses Foto nicht? Der Times Square in New York im Sommer 1945. Papierschnipsel auf dem Boden, Menschen auf den Straßen: Matrosen, ältere Damen, Männer in lockeren Sommeranzügen – fast alle lachend und feixend. In der Bildmitte: Ein Matrose, der nicht gerade zimperlich eine Krankenschwester umfasst hat, sich zu ihr hinunterbeugt und küsst.

VJ Day, Times Square, NY, 14. August 1945 © Alfred Eisenstaedt, 2014. Leica Camera AG

Das Bild stammt von dem in Ostpreußen geborenen Fotojournalisten Alfred Eisenstaedt (1898 – 1995). Nach einer Karriere als Portraitfotograf in Deutschland und als Mitarbeiter von Associated Press, emigrierte er 1935 in die USA, wo er kurzzeitig für Harper’s Bazaar und die Vogue arbeitete. Darüber hinaus hatte sich Eisenstaedt als Mitarbeiter der ersten Stunde beim erfolgreichen Life-Magazin etabliert, als er mit seiner Leica das Foto schoss, dass unter dem Titel „V-J Day in Times Square“ (1945) eines der meistpublizierten Bilder der Nachkriegszeit werden sollte.

Am 10. August 1945 hatte die japanische Regierung den Allierten die Kapitulation angeboten. Vorausgegangen waren die Atombomben-Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki sowie die Kriegserklärung durch die Sowjetunion. Obwohl die Kapitulation erst wenige Tage später offiziell wurde, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer um die Welt: Der Krieg war vorüber. Wie in London oder Paris strömten auch in New York am 14. August Tausende Menschen auf die Straßen. Freudetrunken und ausgelassen feierte man den Sieg, den Präsident Harry S. Truman am frühen Abend verkündet hatte.

An der Ecke Broadway und Seventh Avenue hattesich eine kleine Menschenmenge versammelt, darunter auch Alfred Eisenstaedt, der mit seiner Leica-Kamera die Atmosphäre in den Straßen für das Life-Magazin dokumentieren wollte. Am Times Square fiel Eisenstaedt ein besonders ausgelassener Matrose auf, der sämtliche umstehenden Frauen mit Umarmungen und Küssen beglückte. In dem Buch Eisenstaedt über Eisenstaedt schildert der Fotograf das Ereignis wie folgt:

„Es machte keinen Unterschied (für ihn), ob sie eine Großmutter war, stämmig, dünn oder alt. Ich lief vor ihm mit meiner Leica und blickte zurück über meine Schulter. Aber keines der möglichen Bilder gefiel mir. Dann sah ich plötzlich, wie er sich blitzartig etwas Weißes griff. Ich drehte mich um und erwischte den Moment, in welchem der Matrose die Krankenschwester küsste. Wäre sie dunkel gekleidet gewesen, dann hätte ich dieses Bild nie gemacht. Ebensowenig, wenn der Matrose eine weiße Uniform getragen hätte. Ich machte genau vier Bilder. Alles geschah in wenigen Sekunden.“

Alfred Eisenstaedt in Aktion.

Die tragbare und flexibel einsetzbare Leica-Kamera ermöglichte Eisenstaedt schnell zu reagieren. So gelang ihm ein authentisches und ungestelltes Bild der überschwenglichen Stimmung in New York. Zu Eisenstaedts Lehrjahre Anfang des 20. Jahrhunderts wäre ein solches Foto wohl nicht möglich gewesen – zu unhandlich waren die Fotoapparate. Eine Woche später wurde Eisenstaedts Bild im Life-Magazin veröffentlicht. Die Bildstrecke Victory Celebrations zeigte zwar noch andere sich küssende Paare, aber nur Eisenstaedts Bild erhielt eine ganze Seite. Unter dem Titel „V-J Day in Times Square“ wurde es schnell zum Symbol für den hoffnungsvollen Neuanfang nach dem Krieg und zählt bis heute zum kulturellen Gedächtnis der USA.

Die Identität des Paares konnte jedoch nie einwandfrei geklärt werden. Im Laufe der Jahre beanspruchten mehrere Frauen und Männer, die Krankenschwester und der Matrose auf Eisenstaedts Bild zu sein. Eisenstaedt selbst unterstütze die Aussage von Edith Shain (1918-2010), die sich in den 70er Jahren als das „Mädchen auf dem Foto“ in einem Brief an ihn zu erkennen gab. Wissenschaftler und Fotoexperten aus Cambridge versuchten 2005 in einem aufwendigen Verfahren das Rätsel zu lösen, wer der stürmische Matrose sei. Laut der Experten ist George Mendonça aus Newport, Rhode Island der Matrose auf dem Foto zu sehen, auch wenn Carl Muscarello aus Florida und Glenn McDuffie aus North Carolina dies ebenfalls für sich beanspruchen.

Zuletzt geriet Eisenstaedts Foto im Rahmen der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Landung der Allierten in der Normandie in den Mittelpunkt des Interesses: Die Skulptur des amerikanischen Künstlers Seward Johnson, die das küssende Paar aus New York darstellt, geißelten französische Feministinnen als Verherrlichung sexueller Gewalt. Daher solle die Skulptur im französischen Caen abgerissen werden, fordert die Gruppe „Osez le féminisme“. Es sieht so aus, als würde uns Eisenstaedts Foto auch in Zukunft noch beschäftigen.

Das Foto “V-J Day in Times Square“ von Alfred Eisenstaedt ist bis zum 11. Januar 2014 in der Ausstellung AUGEN AUF! 100 JAHRE LEICA FOTOGRAFIE im Haus der Photographie zu sehen.

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