Foto: © Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Dicks und Stories – Besuchergeschichten zur Raymond Pettibon-Ausstellung

VON ANGELA HOLZHAUER Der Humor der Londoner Galeristin Sadie Coles hat mich bereits am Eröffnungsabend eingestimmt auf alles, was dann im Laufe der Ausstellungszeit kam. Sie sagte: »Did you saw the Erection room? This is real big art!« Noch bei keiner Ausstellung sind uns Guides so viele Geschichten über den Künstler und dessen Umfeld erzählt worden. Es waren gefühlt überhaupt nur Experten unter den Besuchern dieser Ausstellung.

Bleiben wir gleich beim Dick-Thema, schließlich ist Erection das Motiv, das Pettibon immer noch wie besessen zeichnet. »Ist Raymond Pettibon schwul?«, lautet dementsprechend die mit Abstand am meisten gestellte Frage der Besucher. Pikanteste Geschichte: die der Cynthia Plaster Caster, der Mutter aller Groupies. 1968 begann die Künstlerin nicht nur mit möglichst vielen Rockstars zu schlafen, sondern auch, deren Penisse abzuformen – im erigierten Zustand, versteht sich. Nummer vier war das Prachtexemplar von Jimi Hendrix. Auf eine ganze Armada dieser Rockstar-Penisse, aufgereiht wie Skulpturen auf einem Kaminsims, stößt man in einer Zeichnung Pettibons im Kapitel 17 x 11 Inch Textured Paper. Inklusive Rockstar-Namensliste. Leider kann ich mich nicht mehr erinnern, wer diese herrliche Story erzählte.

Eintrag im Besucherbuch der Ausstellung. Foto: © Nina Matzat/Deichtorhallen Hamburg

Ein Student der Kunstgeschichte aus Berlin stellte klug den Zusammenhang zwischen der Trampolin-Sequenz in dem britischen Film Sunday Night and Saturday Morning und der Goya-Zeichnung Die Beerdigung der Sardinen her. Goya, wichtiges Vorbild Pettibons, beschäftigt sich hierin mit spanischen Karneval-Riten. Umgekehrte Welt. Das Baby wird hoch geworfen und schaut auf seine Eltern herab. Where is daddy? Ein Kunststudent aus China suchte vor den Kathedralen-Zeichnungen in Kreuzschraffur/Ink Marks aufgeregt in seinem chinesischen Smartphone nach dem Namen einer deutschen Künstlerin – und fand sie schließlich: Käthe Kollwitz! Seiner Meinung nach sehen Pettibon-Zeichnungen aus wie die Holzschnitte der Expressionistin. Ich muss sagen: Der junge Mann hat Recht!

Ein Lehrer (?) erinnerte vor No Title/MOTHER! What´s happening to me? an eines der symbolträchtigsten Bilder des Vietnamkriegs überhaupt, das von einem Napalmangriff flüchtende Mädchen Kim Phuc – und holte damit Pettibons Bikini-Mädchen aus dem Adoleszenz-Thema hinein ins Politische. Haltung und vor Angst aufgerissener Mund sind tatsächlich gleich. Dazu noch eine Prise Blasphemie.

Ein Punkmusiker aus Kanada empfahl das Buch Spray Paint The Walls, das ausführlich das Familienleben der Ginns (Anm. d. Red.: Pettibons tatsächlicher Name lautet Raymond Ginn. Der Musiker Greg Ginn ist sein Bruder) beschreibt und all die Geschichten rund um Punkband Black Flag erzählt. Er wusste auch, dass Patti Hearst, diese Kultfigur der reichen Erbin, die eine Revolverräuberin wurde, stets mit einer Naga, einem 7-köpfigen Schlangenwesen aus der indischen Mythologie dargestellt wird. Und nachdem wir monatelang erzählt haben, dass Pettibons Black Flag-Logo immer noch das am häufigsten tätowierte Motiv der Welt ist, habe ich es endlich mal unter einem T-Shirt hervor blitzen sehen: Auf dem Oberarm eines Pathologen aus dem Iran.

Ein Galerist aus Malmö amüsierte sich mit seiner Frau ganz besonders vor dem Blatt: No Title (I missed the…) von 1985. Pettibon verweist hier auf den nie zu Ende geklärten Tod von Jim Morrisson, den Frontman der Doors, eine der zentralen Figuren der Hippiezeit. You went all the way to Paris to die in a bathtube? Die Zeichnung hängt neben anderen Hippie-Frotzeleien zum Beispiel No Title (Life isn`t always a groove!) – in dieser Zeichnung an der Helter Skelter-Wand der Ausstellung springt ein Hippie fröhlich aus einem Hochhaus in den Tod. Als ich irgendwann nachts von dieser Zeichnung träumte, wusste ich, ich litt an einer Überdosis Pettibon-Führungen und bat um Ablösung. O.D. à Pettibon. Legalize Stories. Ban Drawings.

Angela Holzhauer ist Galeristin, Journalistin und Chefredakteurin von freunde – Das Magazin der Freunde der Kunsthalle. Seit rund vier Jahren arbeitet sie als leidenschaftliche Vermittlerin in der Sammlung Falckenberg der Deichtorhallen.

Die Ausstellung »Homo Americanus« von RAYMOND PETTIBON ist noch bis zum 11. September in der Sammlung Falckenberg zu sehen. Am Sonntag, den 4. September kann die Ausstellung zum letzten Mal von 12 bis 17 ohne vorherige Anmeldung besucht werden. Reguläre Führungen können weiterhin gebucht werden unter www.deichtorhallen.de/buchung.

KOMMENTARE (1)
  1. Mahsa

    sehr schöner Artikel. Danke :)

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>