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Ein Tag im August – Eine Erinnerung an Saul Leiter

Am 26. November 2013 ist der amerikanische Fotograf Saul Leiter im Alter von 89 Jahren in New York verstorben. Saul Leiter war ein Meister der Farbfotografie, in seinen Aufnahmen fließen die Genres der Street- Life-, Porträt-, Still- Life-, Mode- und Architekturfotografie zusammen. Ingo Taubhorn und Brigitte Woischnik kuratierten 2012 Saul Leiters Retrospektive im Haus der Photographie. Dazu arbeiteten sie eng mit dem Fotografen zusammen. Eine Erinnerung von Brigitte Woischnik.

 

Es war einer der letzten Tage im August, in diesem Sommer, der Tag, an dem ich Saul Leiter das letzte Mal gesehen habe. Wir waren verabredet und ich fuhr downtown, um ihn in seinem Apartment zu besuchen. Mein Sohn Nikolas begleitete mich. Im Haus waren die Maler. Die schmalen Treppenaufgänge waren mit Nesseltüchern abgedeckt und schlugen Falten. Saul öffnete uns die Tür und wie es seine Art war, begrüßte uns zurückhaltend. Er erzählte von den Malerarbeiten im Haus und brachte grummelnd seinen Ärger darüber zum Ausdruck. Langsam bewegte er sich durch sein Atelier, kochte sich einen Kaffee und setzte sich dann in seinen großen Stuhl. Dieser Stuhl erschien mir von meiner ersten Begegnung an der Ruhepol in seinem Chaos zu sein. Er stand vor dem großen Fenster, durch das man in den verwilderten Garten sehen konnte. Auf einer schmalen Ablage, die sich von einer Seite des Fensters zur anderen zog, befand sich ein wirres Durcheinander. Seine Malutensilien, stapelweise seine schmalen Skizzenbücher, die er beliebig durchblätterte und hier und da etwas malerisch veränderte. Bücher türmten sich auf – mit einem Handgriff war alles schnell greifbar. Über dem Stuhl haingen zwei handgestrickte Schals, sein Hut und ein groß kariertes Hemd. Fotokartons, die er während seinen Erzählungen öffnete und oft darüber verwundert war, was er in ihnen fand.

Foto: Birgitte Woischnik

Foto: Birgitte Woischnik

Ich setzte mich auf den schmalen dreibeinigen Schemel. Nikolas blieb stehen und sah sich im Raum um. Saul sprach und beobachtete ihn. Seinen Kopf leicht gesenkt, schaute er von unten nach oben. Ihm entging nichts. Seine Augen waren wach und sehr neugierig. Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass Saul es liebte, Besuch zu bekommen. Während unserer gemeinsamen Zeit der Vorbereitungen für die Ausstellung, hatte ich oft das gegenteilige Gefühl. Der Raum sah anders aus. Die unzähligen Kodak-Schachteln, die rechts vom Kamin sich fast bis zur Decke stapelten, waren verschwunden. Der Raum wirkte größer, aufgeräumter. Wir sprachen darüber und schmunzelnd erzählte er uns, dass Margit unermüdlich versuchte, Ordnung in sein Leben zu bringen. Doch das war auch die einzige, ins Auge fallende Veränderung. Seine vielen kleinen Tische waren überladen mit Erinnerungsstücken. Familienfotos, Schlüssel und Tassen, die er immerzu irgendwo abstellte. Es war ein heilloses Durcheinander. Ging er an einem der Tische vorbei, nahm er oft ganz zufällig etwas zur Hand und fing sofort an, die Geschichte zu erzählen, die ihm dazu einfiel. Mein Sohn war fasziniert und fragte Saul, ob er ein paar Fotos machen dürfe. “You may”, antwortete Saul und ihn immer im Blick habend, stand er auf und wies ihn auf alte Fotos, Zeichnungen und viele kleine Dinge hin. Doch wir wollten ausgehen und entschieden uns natürlich für “Veselka’s” , einem polnischen Deli ganz in der Nähe.

Foto: Birgitte Woischnik

Foto: Birgitte Woischnik

Saul nahm seine Kamera, wie andere Menschen einen Hut oder Schal und wir stiegen vorsichtig die bedeckten Treppenstufen hinunter. Es regnete, keiner von uns hatte einen Schirm und ich versuchte etwas schneller zu gehen. Saul schien der Regen nichts auszumachen. Er hatte ein Gespräch mit Nikolas begonnen und schritt mit großen Schritten gemächlich die Strasse hinunter. Ziemlich nass kamen wir an und setzten uns in den hinteren Teil des Deli’s. Saul bestellte einen Kaffee und jüdische Teigtaschen. Er war bekannt hier, es war sein kleines Refugium. Hier in diesem Viertel lebte er seit über fünfzig Jahren und hatte mit seinen Fotos unzählige wunderbare Erinnerungen hinterlassen. Mein Sohn wollte sich verabschieden, da er mit Freunden verabredet war, die gerade aus Berlin angekommen sind. Saul fragte ihn, warum er gehen möchte und machte dann den Vorschlag, die Freunde sollten doch zu uns kommen und versuchte sofort den Nachbartisch zu reservieren. Also blieb Nikolas und es entwickelte sich ein intensives Gespräch zwischen ihm und Saul. Saul hatte das iPhone gesehen und fing sofort an, viele Fragen zu stellen. Nikolas erklärte ihm, was man alles damit machen konnte, zeigte ihm ausführlich viele unterschiedliche Funktionen. Saul war begeistert. Ich beobachtete und wieder fiel mir auf, wie geschickt Saul nun die Rolle des Fragenden übernahm. Er wollte vieles wissen. Über Berlin, wo mein Sohn lebt, über seine Arbeit, seine Freunde, sein Wissen über Politik, Kunst… Er war ganz in seinem Element und hatte sichtlich Freude daran.

Foto: Birgitte Woischnik

Foto: Birgitte Woischnik

Als wir den Deli verließen, regnete es in Strömen. Nikolas verabschiedete sich, ich machte ein Erinnerungsfoto und Saul hielt lange seine Hand. Er lacht und sah jung und ganz spitzbübig aus. Nicht sehr viel schneller liefen wir durch den Regen zurück und waren am Haus triefnass. Beim Hinaufgehen fassten wir beide die frisch gestrichen Treppengeländer an und hatten nun schwarze Hände. Saul war sehr verärgert, brachte das deutlich den Malern gegenüber zum Ausdruck. Ich blieb noch eine kleine Weile und wartete mit ihm auf seinen Freund Anselm. Er wirkte ganz aufgekratzt und nachdem Anselm eingetroffen war, erzählte er ihm begeistert von unserem kleinen Mittagessen und von meinem Sohn. Selten hatte ich ihn so fröhlich und mitteilsam erlebt und wünschte mir, ich könnte ewig so sitzen bleiben, mitten im Leiter-Chaos und seinen Geschichten lauschen, die immer wieder von einem herrlichen Lachen unterbrochen werden. Dieses Mal durfte ich ihn zum Abschied etwas länger umarmen und fürsorglich brachte er mich zur Tür.

BRIGITTE WOISCHNIK

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