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“Ich war ein Idiot” – Alec Soth im Interview

Alec Soth ist erschöpft, aber freundlich. Vor wenigen Stunden ist er in Hamburg gelandet, nachdem er auf der Fotomesse Paris Photo zu Gast war. Nun sieht er seine Ausstellung Gathered Leaves im Haus der Photographie zum ersten Mal persönlich und ist sichtlich zufrieden. Am nächsten Tag wird der Magnum-Fotograf vor 250 Besuchern über seine Arbeit diskutieren. Doch bevor er zum Abendessen aufbricht, lässt er sich in die Sessel im Foyer fallen und spricht mit Anika Meier, Kuratorin und Autorin, über die Ausstellung und die Herangehensweise an seine Projekte.

Alec Soth, Ihre Ausstellung Gathered Leaves ist nach Stationen in London, Helsinki und Antwerpen jetzt hier in Hamburg im Haus der Photographie zu sehen. Wie gefällt Ihnen, wie Kurator Ingo Taubhorn die Schau gehängt hat?
Ich bin sehr zufrieden. Jeder Ausstellungsort ist anders. Ich mag die Offenheit des Raumes, er ist hier besonders hoch. Man hat das Gefühl einer Gesamterfahrung. Die nicht-chronologische Hängung hier funktioniert gut, weil meine Arbeiten stilistisch doch sehr unterschiedlich sind, und es so nicht verwirrend werden kann.

Zur Vorbereitung auf das Interview habe ich mich noch einmal durch so ziemlich alles von Ihnen auf YouTube gesehen.
Oh, das tut mir leid! Für mich wäre das eine Tortur. Ich schaue mir niemals Videos mit mir an. Ich ertrage das nicht, weil ich genug von meiner eigenen Stimme habe. Ich lese nicht einmal mehr Interviews. Natürlich freut es mich sehr, dass es diese Videos und Interviews gibt, aber ich möchte mich wirklich nicht mehr sehen und noch mehr über mich lesen.

Weshalb ich auf die Videos zu sprechen kam: Sie sagten vor vielen Jahren, dass sie nicht besonders gut mit Wänden umgehen können. Hat sich das geändert? Wissen Sie jetzt besser, wie Ihre Fotos im Ausstellungsraum funktionieren?
Ja, viel viel besser. Als ich angefangen habe, hatte ich Prints in drei verschiedenen Größen. Es gab einen Entwicklungsprozess. Bei Broken Manual habe ich die Verantwortung für das Konzept übernommen und mit einem Kurator für die Installation gearbeitet. Ja, ich bin besser geworden, würde ich sagen. Aber ich vertraue auch Kuratoren, weil sie ihre Ausstellungsräume kennen. Es ist tatsächlich faszinierend wie anders beispielsweise dieser Raum hier ist.

ALEC SOTH – GATHERED LEAVES im Haus der Photographie. Foto: © Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg

Hier in der Ausstellung kann man nachlesen und sich anschauen, wie Sie einem Ihrer Helden, nämlich William Eggleston begegnet sind. Sie sind zu seinem Haus gefahren, er war da und hat sich Zeit für Sie genommen. Das ist die nüchterne Zusammenfassung der Ereignisse. Ist Ihnen selbst mittlerweile Ähnliches passiert?
Ja, junge Fotografen schauen auch bei mir vorbei. Das ist jedes Mal eine Gelegenheit, mich daran zu erinnern, dass ich ein Idiot war.

Sie sind freundlich zu den Leuten, die bei Ihnen plötzlich vor der Türe stehen?
Ja, klar. Ich hoffe es. (lacht) Ich komme gerade direkt von der Messe Paris Photo. Dort treffe ich immer viele Leute. Sie geben mir ihre Bücher, ich signiere meine Bücher für sie. Ich kenne dieses Gefühl. Ich verstehe es.

Das ist jetzt vielleicht eine etwas gemeine Frage. Haben Sie ein Lieblingsprojekt?
Nein, habe ich nicht. Oder doch, ja, habe ich. Das klingt jetzt wie ein Klischee. Alle meine Projekte sind meine Kinder. Ich liebe keins mehr als das andere. (lacht) Weil Sleeping by the Mississippi gerade wieder neu veröffentlicht wurde, denke ich wieder viel daran. Ich glaube nicht, dass es das beste Buch oder die beste Arbeit ist, aber es ist besonders für mich, weil es diese Reinheit hat. Es hatte nichts mit der Kunstwelt zu tun oder der kommerziellen Welt, als ich daran gearbeitet habe.

Hier in Hamburg hat vor ein paar Wochen ein InstaMeet stattgefunden. Instagrammer aus ganz Deutschland und Europa kamen nach Hamburg, um Ihre Ausstellung zu sehen und mit Ingo Taubhorn darüber zu sprechen. Alle fragten sich, wie Sie bei Ihrer Arbeit vorgehen. Schließen Sie ein Projekt ab und beginnen dann erst ein Neues?
Ich arbeite an einem Projekt und experimentiere zwischendurch mit dem Gedanken, dass aus einem dieser Experimente ein neues Projekt werden könnte. Wie ein Autor, der Kurzgeschichten schreibt, aus denen vielleicht ein Roman werden könnte. Aber wenn ich an einem Projekt arbeite, gibt es nur dieses eine Projekt. Das ist ein innerer Entscheidungsprozess, der bei mir stattfindet, und das hat viel mit meiner persönlichen Situation zu diesem Zeitpunkt zu tun. Problematisch daran ist, dass sich meine persönliche Situation natürlich ändern kann und dann muss ich das Projekt ändern. Das ist schon vorgekommen.

ALEC SOTH – GATHERED LEAVES im Haus der Photographie. Foto: © Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg

Wann wissen Sie, dass eine Arbeit fertig ist?
Das weiß ich nicht. Wenn man einen Text oder eine Geschichte schreibt, gibt es einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Das ist bei meiner Arbeit nicht so, deshalb ist es schwierig, ein Ende zu finden. Das ist Gefühlssache. Manchmal gebe ich mir selbst bestimmte Parameter vor. Für ein Großprojekt habe ich die Zahl von 50 Fotografien vor Augen. Das bedeutet nicht, dass es genau diese Zahl sein muss, aber es sollte irgendwie in die Richtung gehen. Es gibt keine Regeln, deshalb ist das alles etwas schwieriger.

Wie ist es mit Deadlines?
Deadlines funktionieren bei kleinen Projekten, bei größeren nicht wirklich.

Woran arbeiten sie aktuell?
Ich habe ein Jahr lang an etwas in Minnesota gearbeitet, aber ich weiß noch nicht, was daraus wird oder wann ich etwas davon veröffentliche.

Man sieht viel von Ihnen auf Instagram, eigentlich fast täglich. Die Kritikerin einer großen Zeitung vermisste hier in der Ausstellung den ganzen Soth, also ihr Instagram, ihren Blog und ihr Business Little Brown Mushroom.
Ja, das hat tatsächlich einen einfachen Grund. Meine Arbeit und meine Ausstellungen basieren auf einer Auswahl. 2010 war eine Schau im Walker Art Center von mir zu sehen, darin auch mehrere meiner Experimente. Das war gut, aber auch verwirrend. Diese Ausstellung hier ist sehr aufgeräumt. Es geht um meine vier großen Projekte. Außerdem möchte ich das betonen, was für mich meine wichtigen Arbeiten sind. Und ich habe so viele kleinere Geschichten gemacht, manchmal hatte das mit Fotografie zu tun, manchmal mit Video, manchmal mit dem Internet, aber das gehört nicht zu meinem Hauptwerk. Mit Blick auf Neues von mir sehe ich das hier als Ende eines Kapitels. Das hier gehört alles zusammen, es spielt sich in Amerika ab. Mit meinen kleinen Experimenten und meinen Aktivitäten im Internet mache ich natürlich weiter.

Wir schauen Ihnen weiter zu. Vielen Dank für das Gespräch!

Die Ausstellung ALEC SOTH – GATHERED LEAVES ist noch bis zum 7. Januar 2018 im Haus der Photographie zu sehen. Der Künstlergespräch zwischen Alec Soth und Aaron Schuman können Sie bei Voice Republic nachhören.
Lesen Sie außerdem im Blog: Fünf Fragen an Alec Soth über Bücher

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