Alice Neel in ihrem Studio, ca. 1960 © Estate of Alice Neel

“Ihre Kunst war nirgendwo zu sehen” – Ein Interview mit Kurator Jeremy Lewison über Alice Neel

Der britische Kurator und Kunsthistoriker Jeremy Lewison gilt als profunder Kenner von Alice Neels Werk und hat der 1984 verstorbenen Künstlerin zu neuer Aufmerksamkeit verholfen. Der ehemalige Sammlungsdirektor der Tate Modern in London berät heute den Nachlass von Alice Neel und kuratierte die Ausstellung ALICE NEEL – PAINTER OF MODERN LIFE. Die erste große Retrospektive mit rund 110 Werken der Künstlerin in Europa ist derzeit in den Deichtorhallen zu sehen – die Frankfurter Allgemeine Zeitung entdeckt in den Gemälden eine “Virtuosität, die den Betrachter nachgerade körperlich angreift.” Dabei wurde Alice Neel als Künstlerin erst spät entdeckt. Über die Wiederentdeckung der Malerin sprach Jeremy Lewison mit Joanna Jurkiewicz.

Jeremy Lewison, die Künstlerin Alice Neel hat ihr Leben lang gemalt, die Anerkennung für ihr Werk kam allerdings erst sehr spät – ihre erste Retrospektive fand erst 1974 im Whitney Museum for American Art in New York statt. Wie lässt sich diese verspätete Anerkennung erklären?
In erster Linie hatten Frauen im Kunstbetrieb viel Diskriminierung erfahren müssen. Alle Institutionen wurden von Männern geleitet, die Kritiker waren männlich und die wichtigsten Kuratoren waren ebenfalls Männer. Einen zweiten wichtigen Grund sehe ich darin, dass Neel ihr Leben lang mit dem Kommunismus sympathisierte, während Sammler eher Kapitalisten galten. Außerdem wandte sie sich in ihren Werken den Armen und Benachteiligten zu, was Sammlern eher unangenehm war. Dazu malte sie figurativ in einer Zeit der Abstraktion, auf die Pop Art und Minimal Art folgten. All das führte dazu, dass Alice Neel isoliert war. Außerdem malte sie Porträts – ein Sujet, das im Zeitalter der Fotografie als überflüssig galt. Sie hat zwei Kinder fast alleine großgezogen und lebte die meiste Zeit ihres Lebens in Spanish Harlem, was damals nicht gerade als Zentrum des kulturellen Lebens in New York galt.

An anderer Stelle erwähnten Sie, dass sie durch feministische Kunstgeschichte entdeckt wurde.
Alice Neel wurde zu einer Art feministischer Ikone und Vorreiterin, die sich ihre eigene Position selbst erkämpft hat. Es ging dabei aber nicht um ihre Anerkennung als Künstlerin – sie war nämlich nicht besonders erfolgreich. Ihre Darstellungen von Frauen wurden damals geschätzt, weil sie den weiblichen Körper auf eine ganz andere Art als männliche Künstler zelebrierte. Sie malte beispielsweise schwangere Frauen – etwas, was die männlichen Künstler nicht taten. In ihrer Tradition der Malerei war der Frauenkörper eine idealisierte, reine Form. Eine schwangere Frau stellte dagegen eine Verzerrung dar. Er war nicht länger rein, sondern verunreinigt.

Alice Neel: Pregnant Julie and Algis, 1967. Foto: Malcolm Varon, New York © Estate of Alice Neel

Sie haben Alice Neel in den 1980er entdeckt. Wie hat sich die Rezeption ihres Schaffens seitdem verändert?
Schon zu Beginn meiner Laufbahn als Direktor der Kettle’s Yard Gallery in Cambridge interessierte ich mich für verschiedene Kunstrichtungen und konnte mich sowohl für den Abstrakten Expressionismus als auch für figurative Kunst begeistern. Kurz nachdem ich an die Tate in London wechselte, entdeckte ich Alice Neel – das war etwa 1987. Ich hatte ihr Werk nie zuvor gesehen und es hat mich sofort beeindruckt. Es war so anders als alles, was ich bisher kannte. Es war erfrischend und bewegte sich abseits der vorherrschenden kunsthistorischen Erzählung. Zu diesem Zeitpunkt sah ich aber keine Möglichkeit, ihre Malerei einem breiteren Publikum vorzustellen, da es keinerlei institutionellen Rückhalt gab. Ihre Kunst war nirgendwo zu sehen.

Das hat sich aber im Laufe der Jahre geändert.
Ja, insbesondere in Amerika. Nach langer Zeit kaufen die Museen Neels Arbeiten wieder und sind daran interessiert, Ausstellungen zu machen. Ich glaube, dass die Relevanz eines Künstlers häufig erst im Ausland verifiziert werden muss, ganz so als ob man nach Bestätigung suchen würde. Ein gutes Beispiel ist der Abstrakte Expressionismus: Erst nach den großen Retrospektiven in Europa in den 1950er Jahren hat man in den USA verstanden, dass da etwas Besonderes geschieht. Als dieses Bewusstsein in den amerikanischen Institutionen angekommen war, wurde der Abstrakte Expressionismus wirklich wirkungsvoll.

Wie schwierig war es, das Werk von Alice Neel zu erforschen? Gab es ein Archiv, auf das Sie zurückgreifen konnten?
Ein Archiv von Alice Neel gab es zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht. Im Nachlass gab es keine Briefe oder Dokumente. Es existierten einige Aufnahmen von Vorträgen zu ihrem Werk und Filme, die sie beim Malen zeigt. Es fanden sich wenige Schriften von Alice Neel selbst, Gedichte und ähnliches, aber darüber hinaus gab es sehr wenig persönliche Aussagen zu ihrer Kunst. Es war also nicht ganz einfach. Außerdem war es schwierig, sich beim Schreiben über Alice Neel von dem Mythos zu trennen, der um ihre Person herum konstruiert wurde.

Ausstellungsansicht ALICE NEEL – PAINTER OF MODERN LIFE. Foto: © Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg

Was für ein Mythos?
Es gibt viele Texte über Alice Neel aus den letzten zehn Jahren, die sich mehr mit der Person selbst anstatt mit ihrer Kunst beschäftigen. Viele Texte betrachten ihre Kunst eher vor dem Hintergrund ihrer Biographie. Im Katalog zur Ausstellung versuche ich, mich davon zu lösen und weise eher auf Überschneidungen hin.

Es ist in der Tat schwer, die Malerin von ihrem Leben komplett zu trennen. Es gibt aber so viele Beispiele von Künstlerinnen, die über Jahrzehnte nur anhand ihrer Biographie interpretiert wurden. Ich denke hier zum Beispiel an Frida Kahlo.
Richtig, über viele Jahre wurde die Kunst über die Biographie des Künstlers interpretiert. Im Formalismus gab es dann eine starke Abgrenzung gegenüber dieser Lesart. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, das künstlerische Werk gänzlich von der Biographie des Künstlers zu trennen. Man muss ihr aber auch nicht übermäßiges Gewicht verleihen. Wie andere Menschen auch lesen Künstler Nachrichten, informieren sich und beobachten die Welt um sie herum. Diese Eindrücke beeinflussen dann, ob bewusst oder unbewusst, eben auch die künstlerische Arbeit. Deshalb ist es so schwer, diesen Aspekt vollständig zu ignorieren.

Das Gespräch führte Joanna Jurkiewicz.
Die Ausstellung ALICE NEEL – PAINTER OF MODERN LIFE ist noch bis zum 14. Januar 2018 in der Halle für aktuelle Kunst zu sehen.

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