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Lost in thought – Ein Gespräch über Harry Callahan

Der 1912 in Detroit geborene Harry Callahan gehört zu den innovativsten und einflussreichsten Vertretern der modernen, amerikanischen Fotografie. Im kommenden Frühjahr widmet das Haus der Photographie der Deichtorhallen dem Fotografen eine umfangreiche Retrospektive mit rund 300 Arbeiten von 1941 bis in die 90er Jahre, darunter die selten gezeigten Farbaufnahmen Callahans. Unser Praktikant Tim Geißler sprach mit Dr. Sabine Schnakenberg, Sammlungskuratorin im Haus der Photographie, über die Retrospektive und Harry Callahans Fotografie.

Frau Dr. Schnakenberg, wie kam Harry Callahan überhaupt zur Fotografie?

Sabine Schnakenberg, Kuratorin im Haus der Photographie © Foto: Matthias Schönebäumer

Sabine Schnakenberg, Sammlungskuratorin im Haus der Photographie © Foto: Matthias Schönebäumer

Aufgrund seines Hintergrundes gehörte er keinesfalls zu einer intellektuellen Elite, für die Kunst und Kultur stehende Begrifflichkeiten waren, sondern erwarb sich sein Wissen als er anfing, sich mit Fotografie zu beschäftigen. Er rutschte dort sozusagen herein und nahm nur das auf, was ihn wirklich interessierte. Das war keinesfalls akademischer Natur, sondern abhängig von Leuten, denen er begegnete und die ihn auf vielfältige Weise beeinflussten. Callahan arbeitete bei Chrysler Motors in der Versandabteilung. In mitten von Massenarbeitslosigkeit und prekären Zukunftsaussichten, war die wirtschaftliche Lage für Harry Callahan und seine Frau Eleanore eigentlich relativ entspannt.

Wie lässt sich die Kunst von Callahan beschreiben?

Callahans Fotografie ist in den frühen Jahren besonders beeinflusst durch Ansel Adams, von dem er sich allerdings bald löst. Trotzdem zeigt gerade seine fotografische Technik hinsichtlich der Abzüge, dass er Adams sozusagen inhaliert hatte – er hatte Zeit seines Lebens extrem hohe Ansprüche an seine Printqualität, er manipulierte z.B. seine Arbeiten nicht durch Ausschnittvergrößerungen oder Beschnitt.

Auch beim Abziehen hielt er sich weitestgehend an das Negativ, er war also kein “Dunkelkammerfrickler“, dessen Bilder zwar fotografiert wurden, dann aber eigentlich erst in der Dunkelkammer durch permanente Überarbeitung entstehen. Das eigentliche Sehen und der Prozess, das, was er sah, in Fotografie umzusetzen, ist sein Kernanliegen gewesen, das sich als Hauptmerkmal in seinen Fotografien niederschlägt.

Lassen sich noch weitere Einflüsse finden?



Weitere Einflüsse sind diejenigen, die sich z.B. ergaben durch das, was er durch Arthur Siegel vermittelt bekam, der am New Bauhaus studiert hatte und der ihn ebenfalls einführte in die europäische avantgardistische Fotografie, also die Fotografie rund ums Bauhaus – Mehrfachbelichtungen, exzentrische Standpunkte, technische Experimente. Moholy-Nagy war ja 1937 emigriert und hatte das New Bauhaus in Chicago gegründet, das dann wenig später in das Institute of Design umgewandelt wurde und an dem Callahan seit 1946 bis 1961 als Dozent tätig war.

Providence, 1978. © The Estate of Harry Callahan Courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

Providence, 1978. © The Estate of Harry Callahan Courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

Callahan, eine Person, die das 20. Jahrhundert mit all seinen Auswüchsen und Wandlungen miterlebt hat – in wie weit prägte das seine Fotografie?

Überraschend wenig und wenn dann indirekt durch seine Empfindungen von Situationen. Callahan war niemand, der eine bestimmte wie auch immer geartete Botschaft in seinen Bildern herüberbringen wollte. Er hatte keinesfalls den Anspruch, gesellschaftlich prägend zu wirken. Dieser pädagogische Anspruch und die Interpretation seiner Arbeiten lagen ihm vollends fern. Callahan war ein extrem unauffälliger Mann mit Familie, einem Job – und er fotografierte. Bis in die 1970er Jahre hinein war es ihm nicht möglich, von seiner Fotografie zu leben – einen großen Teil des Einkommens der Familie steuerte seine Frau Eleanor bei. Callahan sagt an einer Stelle, dass die Fotografien sein Sehen als junge Person und alten Mann zeigen würden. Genau das macht den besonderen Reiz der Arbeiten aus, denn sie zeigen seine lebenslange fotografische Entwicklung anhand der Variation der drei Grundthemen. Wie in einem spiralförmigen Gebilde aus permanenten Rückbezügen – technisch, motivisch, aber auch emotional.

Was können wir von der Retrospektive im Haus der Photographie erwarten?

Die Arbeiten eines Fotografen, der in den frühen 1940er Jahren beschlossen hatte, sich als Künstler zu definieren, weil er bemerkt hatte, dass er während des Fotografierens etwas von sich herauslösen konnte und es mittels der Fotografien zu artikulieren vermochte. Dabei ließ er sich intuitiv von seinen subjektiven Empfindungen leiten.

Eleanor, 1947. © The Estate of Harry Callahan Courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

Eleanor, 1947. © The Estate of Harry Callahan Courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

Wichtig ist, sich Callahans Art des Sehens und Empfindens im wesentlichen auf drei Grundthemen konzentrierte: Natur, Stadt und Eleanor -  ein lebenslanges Projekt und daran hat er sich tatsächlich ganz konsequent gehalten.

Also fotografierte er hauptsächlich Momente aus seinem Leben?

Es gibt natürlich Fotografien, die die Stadt zeigen und deren Wandel über das fast 60 Jahre umfassende Werk. Dort geht es aber nicht um eine direkte gesellschaftliche Kritik, sondern um sein Empfinden der Stadt gegenüber – er fotografiert z.B. Menschen, die „lost in thought“ sind – die innerhalb der Menge und Hektik der Großstadt abschalten und in ihren Gedanken verloren gehen. Das interessiert ihn und kann natürlich als Spiegel großstädtischen Lebens interpretiert werden.

Die Einsamkeit in der Masse, Abgeschlossenheit gegenüber der urbanen Hektik…

Genau. Das Zurückgeworfen sein auf sich selbst inmitten der Vermassungstendenzen, der Entwicklung der Städte nach den 2. Weltkrieg. Allerdings bleibt dies immer subjektiv von ihm geprägt und empfunden. Er läuft durch diese Städte, ist Teil von ihnen und das fließt in seine Fotografien mit ein.

Gibt es noch andere Themen, mit denen Callahan sich beschäftigt hat?

Es gibt auch Aufnahmen, die das Fernsehen als Thema mit in die Bilder integrieren. Hier kommt es zu einer leichten Öffnung von Harry Callahan nach außen, die vorbereitend für seine vermehrte Reisetätigkeit ab diesem Zeitpunkt sein könnte. Er bereist ab der 1960er Jahre ausgiebig mit seiner Frau Portugal, Irland, Hawaii, Frankreich, die Schweiz, Deutschland, Peru, Griechenland und schaut sich dort an, wie diese unterschiedliche Szenerie auf ihn und seine Empfindungen, die er wiederum innerhalb seines Sehens in Fotografien ausdrückt, wirken.

1976 gab es, ausgehend von John Szarkowski, eine Retrospektive am MOMA zu Callahan. Was wird anders oder neu sein in den Deichtorhallen?

Zuerst einmal muss man sagen, dass es wesentlich mehr monografische Ausstellungen gab, die Szarkowski Ausstellung ist sicherlich nur eine unter ihnen. Anders als die anderen monografischen Ausstellungen umschließt die Ausstellung im Haus der Photographie das farbige Werk von Callahan.

Warum wurden diese farbigen Arbeiten nicht schon früher gezeigt?

Ireland, 1979. © The Estate of Harry Callahan Courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

Ireland, 1979. © The Estate of Harry Callahan Courtesy Pace/MacGill Gallery, New York

Dies liegt historisch gesehen daran, dass man zunächst keine wirklich befriedigenden farbigen Abzüge herstellen konnte. Ende der 1970er Jahre änderte sich das, weil ihm sein Erfolg und die Vertretung durch die damalige Light Gallery (heute vertritt ihn die Pace/MacGill Gallery) in New York es ihm ermöglichte durch die Kooperation zwischen Peter MacGill und F.C. Gundlach von der Hamburger Firma Creative Color Dye Transfer Prints zu realisieren – erst manuell und ab 1980/1981 dann via Scanner. Deshalb haben wir so viele farbige Arbeiten von Callahan vorliegen.

Wo liegt Ihr persönliches Interesse an der Fotografie von Callahan?

Was ich überzeugend und erstaunlich finde, ist die Konsequenz, mit der er sich entschieden hat, sein visuelles Gespür anhand weniger Motive sein Leben lang zu untersuchen. Mir hat sein Mut unglaublich imponiert. Außerdem gelang es ihm, ein derart normales Leben zu führen. Es ist das Leben selbst, sein Fluss, den er in seine Fotografien aufnimmt und wiedergibt. Es ist nicht das Spektakuläre, das Aufsehen Erregende Leben. Callahan hatte nicht in erster Linie den Anspruch, erfolgreich zu sein – weder finanziell noch gesellschaftlich. Er hat sich das Leben und das Gefühl zur Lebensaufgabe gemacht. Und zwar mit allen Konsequenzen. Ich glaube, dass ist es, was ich am meisten an ihm mag: Die kreative Herausforderung, Innerlichkeit zuzulassen, sie zu gestalten und in Bildern zu artikulieren.

Die Retrospektive über Harry Callahan ist ab dem 22.3.2013 im Haus der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen.

KOMMENTARE (3)
  1. Mario Kick

    Hallo,
    ich freue mich schon auf die Ausstellung! Oder läuft sie schon? Oder nicht mehr?
    Unten im Artikel steht 22.3.2012. Auf der Homepage steht ab März 2013.
    Es wäre nett, wenn sie mir das richtige Datum mitteilen könnten :-)

    Herzlichen Dank.

  2. Deichtorhallen Hamburg

    Lieber Mario Kick,

    hier ist uns ein Tippfehler unterlaufen. Die Ausstellung HARRY CALLAHAN startet am 22.3.2013.

    Beste Grüße,
    die Deichtorhallen

  3. Mario Kick

    Herzlichen Dank und viele Grüsse aus dem Süden

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