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Neues aus dem Land der Flipcharts? – Harun Farockis Film »Ein neues Produkt«

Wie spiegeln sich gesellschaftliche Veränderungen in der Struktur von Unternehmen wider? Am Mittwoch, den 8. August 2012 um 18 Uhr wird Harun Farocki mit Gabriele Fischer, Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins brand eins, im Haus der Photographie zum Thema »Neue Arbeitswelten« diskutieren. Harun Farockis Dokumentarfilm »Ein Neues Produkt«, der noch bis zum 26. August im Haus der Photographie zu sehen ist, gibt einen Einblick in unsere modernen Arbeitswelten. Lesen Sie dazu einen Kommentar von Britta Peters und diskutieren Sie mit.


Neues aus dem Land der Flipcharts

Von Britta Peters

Für »Ein neues Produkt« hat der Filmemacher Harun Farocki die Unternehmensberatungsfirma Quickborner Team über ein Jahr lang mit der Kamera begleitet. Er nahm sie bei ihren Diskussionen über die eigene Firmenstruktur auf, genauso wie er ihre Supervisionstätigkeit für andere Unternehmen filmte. Am Ende fügte er das gesammelte Material im synchronen Bild- und Tonschnitt zusammen, ein recht aufwendiges Verfahren, da jeweils die Qualität beider Ebenen stimmen muss. Gleichzeitig reduziert es die Möglichkeiten zur inhaltlichen Einflussnahme. Abgesehen von Szenenauswahl und Reihenfolge, gibt es bei Farocki keinen Einsatz von filmischen Mitteln, die eine bestimmte Sichtweise auf sein Thema suggerieren.

Das zeichnet seine Arbeit aus und wirkt anregend: Bereits auf der Pressekonferenz entbrannten nach dem Film lebhafte Diskussionen. Wer profitiert wirklich von flexiblen Arbeitszeiten und spontanen Joggingeinlagen ums Firmengelände? Der Angestellte, der dadurch mehr Freiräume in der Zeiteinteilung besitzt, oder ist es doch eher die Firma, die seine nach dem Fitnesstraining wiedererwachten Ressourcen abschöpfen kann? Auch das Thema firmeninterne Wettbewerbe verursacht, milde gesagt, Gesprächsbedarf. Im Film schwärmt einer der Befürworter euphorisch von dem dadurch ausgelösten Motivationsschub, bis ihn eine Kollegin schüchtern auf wachsende Konkurrenzgefühle hinweist.

Je flexibler und individueller die Arbeitsbedingungen in den großen Unternehmen ausgehandelt werden, desto weniger Solidarität gibt es. Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit schwindet, der Erfolgsdruck richtet sich nach Innen. Für diese Behauptung spricht nicht zuletzt eine steigende Anzahl von Burnout-Fällen. Eine große Qualität von Farockis Film besteht darin, dass er uns nicht mit diesen möglichen Folgen konfrontiert, sondern mit den dazugehörigen Überlegungen auf Unternehmerseite. Gänzlich unaufgeregt – jedoch nicht ohne Situationskomik – dokumentiert er eine ökonomische Logik, die dem Wechsel von der produktionsorientierten zur Kommunikationsgesellschaft Rechnung trägt und ihn vor allem wortgewaltig zu gestalten versucht. Mit geradezu entwaffnender Naivität schlägt beispielsweise ein leitender Angestellter vom Quickborner Team beim internen Brainstorming vor, man könne doch auch private Erfolge und Leistungen der Mitarbeiter honorieren; die Kollegen auszeichnen, wenn sie etwas umgesetzt haben, das ihnen schon lange am Herzen lag. Er stellt sich das so vor: Bei Ihrem nächsten Bilanzierungsgespräch fragt Sie Ihr Arbeitgeber, ob Sie mit dem Hausbau begonnen haben, den Sie seit Jahren planen. Oder ob es Ihnen gelungen ist, Ihr Versprechen einzuhalten, dass Sie mehr Zeit mit der Familie verbringen wollen. Bei einem positiven Bescheid wäre nach Ansicht des Sprechers eine Berücksichtigung in der Gehaltsberechnung von zehn Prozent denkbar. Später korrigiert er die Zahl nach unten auf fünf. Kann man das Firmeninteresse für private Angelegenheiten als Fürsorge wertschätzen oder ist der Versuch, Lohnarbeit mittels Vertraulichkeit in ein »menschlicheres Arbeitsverhältnis« zu verwandeln, auf beklemmende Weise übergriffig? Möchten Sie in Zukunft gefragt werden, ob Sie in den letzten Monaten weniger gefeiert, das Rauchen aufgegeben und endlich Ihre Mutter besucht haben?

Britta Peters war Leiterin des Kunstverein Harburger Bahnhof und hat als Kuratorin u.a. für den Frankfurter Kunstverein gearbeitet. Sie lebt in Hamburg und schreibt über Kunst.


Wir möchten Sie einladen, bei uns im Blog über das Thema zu diskutieren.
Posten Sie Ihren Kommentar oder Ihre Meinung bei uns im Blog oder auf unserer Facebook-Seite. Besonders interessante und spannende Beiträge werden wir in der Diskussion mit Harun Farocki aufgreifen. Der Eintritt zur Diskussion ist übrigens frei.

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