Foto: Esther Haase

Rastlos für die Fotografie. F.C. Gundlach zum 90. Geburtstag

VON HANS-MICHAEL KOETZLE   Weniger ist mehr. Das gilt auch für Vornamen. Franz Christian ist gut. »F. C.« ist besser. Und lässt man dann auch noch die Leertaste weg, dann wird aus einem Kürzel ein Label. »F.C.« zum Beispiel. Herr Grundlach, sagen entfernte Bekannte. F.C. Gundlach, sagen die, die ihn etwas besser kennen. Kurz und knapp F.C. sagen seine Freunde. Und weil die in aller Welt zuhause sind, ist F.C. längst eine Art internationale Marke geworden. Eine Marke, die steht für einen der großen Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Für einen erfolgreichen Unternehmer. Für einen über die Stadtgrenzen Hamburgs hinaus bekannten Sammler und Stifter. Für den Initiator und Gründungsdirektor eines Hauses der Photographie, was bescheiden klingt angesichts der architektonischen Grandezza, mit der die Hamburger Institution tatsächlich aufwarten kann.

Das Kürzel steht für einen bis heute regen Kurator. Für einen Förderer, junger Talente. Für einen Anstifter, Anreger in Sachen Fotografie. Etwas vergessen? Aber ja. Den Genießer und Gastgeber F.C. Gundlach nämlich. Den Koch und Schöpfer des – wie manche meinen – weltbesten Martinis. Den engagierten Gesprächspartner, Ideengeber, Initiator, Leihgeber, Helfer, wenn es um ein Medium geht, das immer noch – und viel zu oft – als schnödes Findelkind der technischen Moderne gehandelt wird. F.C. Gundlach hat es immer wieder betont, gezeigt, bewiesen: Die Fotografie ist mehr. Nicht automatisch Kunst. Aber öfter als man denkt ein Statement mit ästhetischer Grundierung.

1926 im Hessischen als Sohn eines Gastwirts geboren, hat F.C. Gundlach nach Krieg und Gefangenschaft Fotografie bei Rolf W. Nerdich in Kassel gelernt. Er beginnt in Stuttgart mit Porträts und Reportagen für die Funk-Illustrierte, wechselt nach Hamburg zu Film und Frau und in die Mode, die in der Kombination von Leinwand und Couture ihre wohl ultimative Form von Glamour findet. Was Gundlach von Anfang an ausgezeichnet hat, war der Blick über den Zaun. Früh begeistert er sich in Paris für die französische Kultur in Dichtung, Kunst und Lebensart. Große Porträts von Jean Cocteau, Jean Marais oder später Godard zeugen noch heute davon.

Wenig später ist es die amerikanische Fotografie, an der sich F.C. Gundlach orientiert, um freilich auch erkennen zu müssen, dass die kreativen Grenzen im Deutschland der Nachkriegszeit entschieden enger gesteckt waren als in den USA, wo ein Brodovitch, ein Liberman, ein Henry Wolf das Zeitschriftendesign in einsame Höhen führten. Einzig Willy Fleckhaus hatte seinerzeit gezeigt, wie großes Layout aussehen könnte. Immerhin zweimal hat der kreative Kopf der Zeitschrift twen Arbeiten von F.C. Gundlach in sein Heft gehoben. Speziell das groß und randabfallend auf die Seite gesetzte Porträt einer melancholischen Romy Schneider zählt zu den Sternstunden der legendären Zeitgeistzeitschrift.

Gundlach fotografiert Mode für Constanze, Brigitte, Annabelle, den Stern oder für den Strumpfhersteller Falke, wo er zusammen mit Art Director Kurt Gerwin großartig gestaltete Broschüren verwirklichen kann, Werbemittel, die den Entwürfen eines Fleckhaus in nichts nachstehen. In der Summe ein großes, formal-ästhetisch übezeugendes, in sich stimmiges Werk, das 2008 im Rahmen einer umfangreichen Retrospektive im Haus der Photographie zu sehen war.

Und noch im Jahr seines 90. Geburtstags überrascht der nimmermüde F.C. Gundlach. Jetzt als Kurator einer ersten Werkschau zu Peter Keetman (aktuell im Museum Folkwang in Essen, ab November auch im Haus der Photographie der Deichtorhallen), wobei ein nicht unerheblicher Teil des Gezeigten aus der eigenen Sammlung stammt. Denn auch das war und ist F.C. Gundlach: Ein passionierter Sammler, der den Bild gewordenen Zeitgeist zu einer großen Geschichte der Gesten und Gesichter, Moden und eleganten Momente zusammengeführt hat. Die 2006 von Gundlach kuratierte Ausstellung »A Heartbeat of Fashion« war zwar nicht die erste Ausstellung, die aus der Sammlung Gundlach schöpfte. Aber sie war mit Sicherheit die, die am nachdrücklichsten einen Satz von Susan Sontag auf den Prüfstand hob: »Gute Modefotografie ist mehr als die Fotografie von Mode.« Gezeigt worden war »A Heartbeat of Fashion« im besagten Haus der Photographie in Hamburg – auch dies, gewissermaßen, eine Schöpfung von F.C. Gundlach, der immer der Meinung war, die Foto- und Medienstadt Hamburg brauche ein lebendiges Zentrum der historisch-kritischen Auseinandersetzung mit der Fotografie. Es der Bürgerschaft abgetrotzt zu haben, gehört zu den bleibenden Leistungen F.C. Gundlachs auf kulturpolitischem Gebiet – inzwischen anerkannt und international beachtet als eine der schönsten Locations für das Medium in Geschichte, Kunst und Alltagskultur. Drei Jahre währte F.C. Gundlachs aktive Zeit als Gründungsdirektor des Hauses der Photographie. In dieser Zeit konnte er nicht zuletzt die überhaupt erste Retrospektive zu Martin Munkácsi realisieren – auch zu lesen als Hommage an einen seelenverwandten Grenzgänger zwischen Fashion und Reportage.

Gundlach hat als Initiator gewirkt, unter anderem bei der Hamburger Triennale der Photographie. Er hat wichtige Funktionen in BFF und DGPh bekleidet. Und er hat – dies nicht zu vergessen – als Unternehmer im Wortsinn gewirkt. Der von ihm auf den Weg gebrachte PPS. Fotoservice (nebst angeschlossener Galerie) galt Profis über viele Jahre als erste Adresse in Sachen Photofinishing. PPS. ist Geschichte. Und schon, man mag es kaum glauben, kündigen sich neue Herausforderungen an. So hat der ebenso überraschende wie tragische Tod zweier Kollegen – die Rede ist von Charlotte March und Wilfried Bauer – das Thema Fotografennachlässe aufs Tapet gebracht. Und nachdem ein »Deutsches Centrum für Photographie« in Berlin über die Projektphase nie hinausgekommen ist, nimmt Gundlach selbst die Sache in die Hand, entwickelt mit seiner Stiftung Ideen, Strategien, um fotografischen Nachlässen eine Zukunft zu sichern. Gundlach ist und bleibt ein Rastloser für die Fotografie. Von seiner Statur könnten wir wahrlich mehr gebrauchen.

Der Autor lebt als freier Schriftsteller und Publizist in München.

 

BILDERGALERIE: F.C. Gundlach bei der Arbeit.

Die Fotos der Bildergalerie wurden uns freundlicherweise von der Stiftung F.C. Gundlach zur Verfügung gestellt.

 

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