Foto: Henning Rogge

Rückblick auf die Konferenz »HALLO VERMITTLUNG!?« zur Kunstvermittlung

VON MELANIE VON BISMARCK    Mit ihrer Expertise im Gepäck, kamen rund 150 TeilnehmerInnen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden zu HALLO VERMITTLUNG!? nach Hamburg. Viele InteressenInnen waren leider auf der Warteliste gelandet – es hätte einfach die räumlichen Kapazitäten gesprengt. Es folgten zwei Tage, angefüllt mit intensivem Erfahrungsaustausch in Form von Keynote-Vorträgen, Impuls-Referaten, Arbeitsgruppen, Diskussionen und vielen Gesprächen.

Das charmanteste Best-Practice-Beispiel kam gegen Ende, als die beiden »Schülermanager« Sian Ruoss und Philipp Luft in quicklebendiger Manier und geradezu erschütternd professionell ihr Musik-Vermittlungsprojekt »Tozdiscover« mit dem Tonhalle-Orchester Zürich präsentierten. Herrlich »süß und fettig« ging es zu am »Churromobil« von Heike S. Bühler und Teresa Majewski, die mit Musik und Leckereien für performative Beköstigung sorgten. Den krönenden Abschluss der Tagung bildete bei strahlendem Sonnenschein eine Besichtigung der Elbphilharmonie.

Konferenztag 1 in den Deichtorhallen Hamburg. Foto: Claudia Höhne

Vorträge und Arbeitsgruppen
In seiner Keynote demonstrierte Hirnforscher Ernst Pöppel anschaulich Mechanismen der Wahrnehmung. Seine These: Künstler nehmen intuitiv Ergebnisse der Wissenschaft vorweg. Ralf Lankau erntete als vehementer Kritiker des digitalen Hypes in der Kunstvermittlung zwar auch Kopfnicken, sorgte aber für heftigen Widerspruch seitens des Publikums. In der Best-Practice-AG zum Thema digitale Vermittlung stellte Janine Burger  digitale und analoge Vermittlungsprojekte am ZKM vor. Wissen um die Digitaltechnik muss Allgemeingut werden, so ihr Credo.

Fazit: Alle würden die neuen Medien gerne verstärkt als Instrument nutzen, allerdings fehlen menschlichen, finanzielle und technische Ressourcen. Diskutiert wurde zudem über den Unterschied zwischen digitaler Vermittlung und Vermittlung im digitalen Raum, sowie über die Frage, wo denn nun eigentlich die Grenze zwischen Marketing und Vermittlung verläuft.

Nach einer nicht-defizitären Perspektive suchen Sybille Kastner und Michael Ganß in ihrer langjährigen Arbeit mit und für Menschen mit Demenz. Sie plädierten dafür, Langsamkeit in Rede und Wahrnehmung als Potential anzuerkennen, und verwiesen auf die Problematik des Sammelbegriffs »Menschen mit Demenz« für unterschiedlich stark Betroffene.
In der Arbeitsgruppe, so AG-Moderatorin Constanze Claus, wurde schnell klar, dass es bei Angeboten für Menschen mit Demenz weder darum gehen könne, (kunsthistorisches) Wissen zu vermitteln, noch therapeutisch tätig zu werden. Ziel müsse es vielmehr sein, ein Kunstwerk zum Anlass eines Gesprächs zu nehmen und sich über die Kunst, die sinnlichen Eindrücke und die Assoziationen der Teilnehmer auszutauschen.

Miriam Schultze, die kurzfristig für die erkrankte Nanette Snoep eingesprungen war, berichtete von den Vermittlungs-Aktivitäten an den staatlichen ethnografischen Sammlungen Sachsens, speziell im Grassi Museum für Völkerkunde zu Leipzig. Interkulturelle Vermittlung betreibt das Museum mit Reihen wie »Salam Deutschland – Islam in Deutschland« und »Grassi invites« und versucht zugleich, der zunehmenden Radikalisierung, Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie entgegen zu arbeiten.

In der Arbeitsgruppe zum Thema interkulturelle Vermittlung zeigte Stephanie Endter am Beispiel des Weltkulturen Museums in Frankfurt, wie maßgeblich inhaltliche Ausrichtung, Konzeption und Durchführung der Projekte von der spezifischen Situation vor Ort und Kooperationen abhängig sind.

Diskutiert wurden in der von Birgit Hübner moderierten AG viele praktische und logistische Fragen (Budget, Räume, freier Eintritt etc.) wie auch die grundlegende Rolle der Vermittlung. Thema waren auch die geringe Diversität des Personals in den Häusern selbst und weitere von Stephanie Endter aufgeworfene Fragen: Inwieweit erfüllen Museen gesellschaftliche Aufgaben, die eigentlich der Politik zuzuschreiben wären? Inwieweit »schmücken« sich Institutionen mit z.B. einem Flüchtlingsprojekt der Vermittlungsabteilungen – ist damit das Engagement abgehakt?

Arbeitsgruppe zur digitalen Kunstvermittlung mit Janine Burger (ZKM | Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe) in den Deichtorhallen. Foto: Henning Rogge

Generelle Fragestellungen
Die Konzentration auf drei Felder der Kunstvermittlung (Arbeit mit und für Menschen mit Demenz, interkulturelle und digitale Vermittlung) provozierte diverse Fragen ganz grundsätzlicher Natur.

−    Wie setzen sich die Zielgruppen tatsächlich zusammen, wie divers sind sie fernab von Stereotypisierungen?
−    Wie können aus zeitlich begrenzten Förderprojekten nachhaltige feste Einrichtungen werden?
−    Gibt die Politik die Zielgruppen der Vermittlungsarbeit vor? Und steuern Fördergelder die Ausrichtung der Vermittlungsarbeit ? (»…finde ich es wichtig, dass wir frühzeitig die Gelegenheit haben, mit den Förderern zu sprechen, um genau zu schauen, was ist denn für genau diese Ausstellung und für genau diese Gruppe überhaupt sinnvoll«)
−    Wo fehlen Planstellen? (»Wenn wir wirklich den personellen Pool ausbauen wollen, der bei uns auch eine Katastrophe ist, müssen wir das Verhältnis zwischen Sammlungskuratoren und Vermittlern mal überprüfen«)
−    Wie müssen sich die Institutionen von innen heraus verändern, um den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen und einem zeitgemäßen Verständnis von Kunstvermittlung gerecht zu werden?
−    Wird der Kunstvermittlung an den Häusern jener Stellenwert eingeräumt, der ihren Aufgaben entspricht, oder stehen sie in der hausinternen Hierarchie weiterhin ganz am Ende?
−    Werden Kunstvermittler in Ausstellungsplanung und kuratorische Prozesse mit eingebunden? Und sind Kuratoren bereit, von ihrer Deutungshohheit abzugeben?

Was selbstverständlich erscheint, ist noch lange nicht überall durchgesetzt.

Konferenztag 2 in der Körber-Stiftung. Foto: Henning Rogge

Wohin entwickelt sich die Kunstvermittlung?
Perspektiven der Kunstvermittlung standen am zweiten Tag im Mittelpunkt. Die Frage, wohin sich die Kunstvermittlung im Zuge des »educational turn in curating« entwickelt, wollte Beate Florenz in ihrer Keynote nicht abschließend beantworten. Als »Beobachterin« zeigte sie aber deutlich eine Richtung auf. »Kunstvermittlung wird partiell durchaus neo-liberal einverleibt und vermarktet«, so Beate Florenz. Trotzdem – und diese Beobachtung scheint mir besonders interessant – entfalte sie in denselben Häusern durchaus ihr kritisches Potential als »einer Vermittlung nach innen« im Sinne von Carmen Mörsch. »Kunstvermittlung also als kritische Reflexion, die einen Denk- und Handlungsraum im Museum eröffnet, Wissensformen und Hierarchien hinterfragt. Und Partizipation wagt zu denken. Allerdings – das wird noch ein paar Generationen dauern.«

An dieser Stelle zitierte die Referentin Carmen Mörsch (2012): »Es zeichnet sich die Möglichkeit ab, dass kritische KuratorInnen, KünstlerInnen und VermittlerInnen am gleichen Strang ziehen.« Eine Forderung, die 2005 bereits von Andrea Fraser formuliert wurde. Beate Florenz: »Bis dahin bleibt noch ein bisschen was zu tun…«

Podiumsdiskussion zum Thema »Quo Vadis Kunstvermittlung?« in der Körber-Stiftung. Foto: Henning Rogge

Ein Bündel vielversprechender Projekte
Offensichtlich ist Kunstvermittlung nie »business as usual«. Die vielen vorgestellten Projekte belegten eindrucksvoll, wie kreativ die Vermittler jeweils angemessene neue Formate konzipieren – orientiert an den Aufgaben und Aktivitäten der einzelnen Häuser, in verschiedenen Kontexten und mit unterschiedlichen Zielsetzungen.

– Wybke Wiechell von der Hamburger Kunsthalle stellte das Ausstellungsprojekt »Open Acess« vor, das von der Abteilung Bildung und Vermittlung betreut wird. Um das Haus für die Stadtgesellschaft weiter zu öffnen, hat Kunsthallendirektor Christoph Vogtherr eine Gruppe von »Neu-Hamburgern« aus verschiedenen Herkunftsländern eingeladen, mit der Sammlung des Hauses eine eigene Ausstellung auszurichten. Die Frage lautete: Was ist Ihnen wichtig? Auch Christoph Vogtherr nimmt als Neu-Hamburger daran teil. Besucher einladen, im Museum eine aktive Rolle zu spielen – hier ist Partizipation keine hohle Phrase, so scheint es mir. Auch wenn das Museum, so Wybke Wiechell, den Akteuren sehr klare Grenzen setzt.

– Heike Kropff stellte das Berliner Projekt »Multaka« vor: Irakische und syrische Geflüchtete führen andere Geflüchtete in arabischer Sprache durch Berliner Sammlungen. Heike Kropff berichtete von dem geplanten neuen Vermittlungszentrum im Haus Bastian, das zu einer institutionsübergreifenden  Schnittstelle zwischen den unterschiedlichen Museen werden soll, »ein Haus, das transdisziplinäre Ansätze erfordert.« Und von der bundesweiten »Initiative zur Stärkung der Vermittlungsarbeit in Museen« (ein Projekt der Kulturstiftung des Bundes und der Staatlichen Museen zu Berlin) mit dem »Vermittlungslabor Bode-Museum« und dem Volontärsprogramm. Die Initiative wird mit 5,6 Mio Euro von der Bundeskulturstiftung gefördert. Ein handfestes Signal also, dass dem hohen gesellschaftspolitischen Stellenwert der Kunstvermittlung Rechnung getragen wird.

An dieser Stelle eine persönliche Randbemerkung: So wertvoll die Vermittlungsarbeit für den Einzelnen ist, so großartig und engagiert Museen und Vermittler in kürzester Zeit zum Beispiel auf die Flüchlingswelle reagiert haben – es bleibt zu fragen, ob hier nicht politische Aufgaben »kulturisiert« werden. Instrumentalisiert die Politik mit dem Verweis auf den Bildungsauftrag der Museen kulturelle Vermittlungsarbeit, um eigene Versäumnisse zu kompensieren (z.B. das Fehlen von Musik- und Kunstunterricht)? Und ketzerisch möchte ich fragen (und da folge ich dem Kulturwissenschaftler Max Fuchs): Wie ist es zu beurteilen, wenn Fördermittel für Vermittlungsarbeit mit Geflüchteten bereit gestellt, aber gleichzeitig Gelder für Anti-Rassismus-Initiativen gestrichen werden? Eine vielleicht zu reflexartige, aber mögliche Option bestünde darin, den Ball an die Politik zurück zu spielen; das Museum als Forum gesellschaftspolitischer Auseinandersetzungen noch ernster zu nehmen als bisher. Und zum Beispiel zu diskutieren über die mögliche Mitverantwortung westlicher Länder an den Ursachen der Fluchtbewegungen – lautstark, öffentlichkeitswirksam und nicht nur in einmaligen abendlichen Diskussionsrunden.

Foto: Henning Rogge

Summa Summarum
Zum Abschluss wurden alle Konferenz-TeilnehmerInnen gefragt: Was ist notwendig, um zukünftig noch besser arbeiten zu können? Aus den hunderten von Antworten hat Constanze Claus folgende »Top Six« herausgefiltert:

−    Abbau von Hierarchie innerhalb der Institutionen / Aufwertung der Vermittlung
−    klares Bekenntnis der Direktion zur Vermittlungsarbeit
−    Unterstützung aus dem Kollegium / Wertschätzung
−    Vernetzung mit anderen Vermittlungsabteilungen (auch interdisziplinär)
−    Fortbildung auch für freie MitarbeiterInnen
−    Räumliche und finanzielle Ressourcen

Mein Eindruck (und ganz offensichtlich nicht nur mein persönlicher): Tief ist die Kluft zwischen der avancierten Theorie und der Praxis an den Häusern. Wie wäre es, wenn DirektorInnen und KunstvermittlerInnen auf einer Konferenz zusammen kämen und gemeinsam darüber diskutierten?

Bei so viel Gesprächsbedarf traf ein, was zu erwarten war – dass nämlich viele wertvolle Überlegungen nur angerissen und nicht ausdiskutiert werden konnten. Am Ende möchte ich allen TeilnehmerInnen herzlich danken für die vielen wertvollen Impulse, Denkanstöße und Anregungen! Ein ebenso herzlicher Dank geht an die unermüdlichen OrganisatorInnen Nana Kintz (Deichtorhallen) und Constanze Claus (Körber Stiftung), die die Konferenz mit viel Bedacht und in langen Diskussionen konzipiert und vorbereitet haben, sowie an Birgit Hübner (Deichtorhallen) und Kai Michael Hartig (Körber Stiftung) für ihr enormes Engagement.

Die Konferenz in Bildern
Fotos: Claudia Höhne und Henning Rogge

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