© Photography by Andrea Rossetti

Steppengrille zum Frühstück – Über ein Kunstwerk mit Spinne in den Deichtorhallen

VON LOUISA SCHRÖDER    Spinnen in den Deichtorhallen? Wer da an verstaubte Keller oder die überlebensgroße »Maman« von Künstlerin Louise Bourgeois denkt, irrt. Seit einigen Wochen beherbergen die Deichtorhallen zwei lebendige Spinnenweibchen. Im Rahmen der ELBPHILHARMONIE REVISITED-Ausstellung bezogen die Achtbeiner ihr neues Zuhause in der Halle für aktuelle Kunst. Als Hauptdarstellerinnen in der Installation des argentinischen Künstlers Tomás Saraceno erzeugen sie unter Besuchern und Mitarbeitern Reaktionen, die von phobischer Angst bis hin zu gänzlicher Begeisterung reichen.

Mit ihren fast sechs Zentimetern Körperlänge sind die Langbeiner aus der Familie der Seidenspinnen im kalten Norden echte Exoten. Die eigentliche Heimat der Nephila senegalensis sind die Wälder Afrikas. Auch ihre bunt eingefärbten Körper mit gelben und rötlichen Streifen auf Leib und Beinen lassen die gewöhnliche Hamburger Hausspinne vor Neid erblassen. Die Netze der Seidenspinne können einen Durchmesser von bis zu zwei Metern erreichen und sind äußerst stabil. Bei Lichteinfall glänzt die gesponnene Seide leicht golden.

Tomás Saraceno Arachno Concert, with Arachne (Nephila senegalensis), Cosmic Dust (Porus Chondrite) and the Breathing Ensemble, 2016 Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin. © Photography by Andrea Rossetti, 2016

In der Multimedia-Installation »Arachno Concert: With Arachne (Nephila senegalensis), Cosmic Dust (Porus Chondrite) and the Breathing Ensemble« (2016) des Künstlers Tomás Saraceno sitzt eine Spinne, in Erwartung ihrer Beute, in einem dichten, beleuchteten Netz. Ihre Bewegungen werden von Mikrofonen aufgezeichnet und in Geräusche übersetzt, die im Raum wiederum Vibrationen erzeugen und dabei die vorhandenen Staubteilchen in der Luft aufwirbeln. Vom Licht angestrahlt, werfen die Spinne und ihr Netz einen dramatischen Schatten auf die rückwärtige Wand. Im stark abgedunkelten Raum erhellt das Licht auch die über den vibrierenden Lautsprechern tanzenden Staubteilchen. Die Bewegungen des Staubs – gleichermaßen verursacht von den Lautsprechern und der Bewegung der Besucher im Raum – werden gefilmt, aufgenommen und in Klang übersetzt, der als Feedbackschleife den Raum erfüllt.

An das raue Wetter im Norden konnten sich die beiden Spinnen schon gewöhnen. Groß geworden sind sie nämlich im Labor der Hamburger Biologin Prof. Dr. Jutta Schneider. Sie ist Professorin an der Uni Hamburg und unterhält eine große Spinnenzucht in ihrem Labor am Grindel. Das Labor beherbergt zeitweise bis zu 2000 Spinnen, die einzeln vom stecknadelkopfgroßen Spinnchen innerhalb von fünf Monaten zu ausgewachsenen Spinnenweibchen heranwachsen.

Prof. Dr. Julia Schneider. Foto: Jutta März

Die Arbeitsgruppe von Dr. Jutta Schneider erforscht in ihrem Labor die Evolution von Fortpflanzungsstrategien bei diesen und verwandten Spinnenarten. Dass der Künstler Tomás Saraceno auf sie zukam, sei eine spannende Abwechslung gewesen, sagt Dr. Jutta Schneider und war gerne bereit einige Tiere aus der Zucht für die Installation bereitzustellen.

Von der Installation in der Ausstellung ELBPHILHARMONIE REVISITED ist die Spinnenexpertin begeistert. Auch um die Lebensumstände der Spinnen in der Ausstellung mache sie sich keine Sorgen. Sehen können die Spinnen ihre Besucher nämlich nicht. Sie nehmen ihre Präsenz lediglich durch Erschütterungen wahr. An der Art der Erschütterung im Netz können sie sogar Filtern, ob es sich dabei um Beute oder Gefahr handelt, oder ob die Bewegungen für sie irrelevant sind. Durch ihre Position in der Netzmitte und ihre acht Beine ist es ihnen gleichzeitig möglich die Erschütterungen genau zu lokalisieren.

Die beiden neuen Bewohner stellen das gesamte Haus vor neue, ungewöhnliche Aufgaben. Von Technikern, über Wachdienst und Aufsichten bis hin zum Ausstellungsmanagement sind etliche Mitarbeiter in die Spinnenpflege involviert. Vor Ausstellungsöffnung geht es mit Wachdienst und Technikern zur Fütterung. Beim Betreten des gänzlich schwarzen Raumes durch die schweren, ebenfalls schwarzen Vorhänge werden die Ecken bereits aufmerksam mit einer Taschenlampe abgesucht. Gelegentlich verlassen die Spinnen über Nacht ihr Netz in dem fest installierten Carbon-Rahmen und erkunden den Rest des Raumes. Grundsätzlich sei die Nephila jedoch eine sehr ruhige Art, die sich selten aus der Mitte ihres Netzes bewegt, so Dr. Jutta Schneider. Auf dem Speiseplan steht jeweils eine kleine Steppengrille.

Für den Umgang mit der Spinne gibt es genaue Vorgaben vom Studio des Künstlers. Diese reichen von Anweisungen über die genaue Größe der zu verfütternden Grillen (»the most suitable one is the »Mittel« (…) smaller or larger will lead to complications.«) bis hin zu Mut machenden Warnhinweisen (»Patience when handling is suggested«, oder »can become aggressive when bothered/poked«).

Die zweite Spinne lebt derzeit in einem Terrarium im Büro der Technik. In einem 2/3-Tagesrhythmus wechseln die Spinnen ihre Behausung vom Netz in der Ausstellung ins Terrarium in den Büroräumen und umgekehrt. Dieser Umzug der Spinnen erfordert von den Mitarbeitern Übung und einiges an Mut. Doch auch für die Spinnen bedeutet dieser Wechsel Arbeit. Die Nephila senegalensis lebt ausschließlich allein und zerstört sogar meist das bereits existierende Netz ihrer Vorgängerin um ein eigenes zu bauen. Noch bis zum 1. Mai sind die Spinnen in der Ausstellung ELBPHILHARMONIE REVISITED zu Gast.

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