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Rezension: Anke Kuhl – Lehmriese lebt!

VON SVEN-ERIC WEHMEYER   »Rasend wurde, dwatsch der Golem, / Ein Berserker ward der Kerl. / Bäume reißt er aus der Erde, / Häuser wuppt er in die Wolken, / Schleudert Menschen in die Lüfte, / Stülpt den Hradschin auf den Kopf.« So erzählt Detlev von Liliencron 1898 in Balladenform davon, was geschieht, wenn der Prager Rabbi Löw vergisst, dem von ihm erschaffenen Golem den Zauberspruchzettel aus dem Mund zu nehmen, durch den das Wesen zum Leben erwacht. Es ist eine inhaltlich korrekte Nachdichtung der ursprünglichen Golem-Sage, in der das riesenhafte, stumme und seelenlose Geschöpf aus Lehm sich, obwohl mit dem Schutz der Juden von Prag sowie diversen Alltagsverrichtungen betraut, im Falle unachtsamer Handhabung gegen seinen Schöpfer zu richten und in einen rasenden Berserker zu verwandeln droht.

Der Golem ist also eine ambivalente Gestalt; einerseits jegliches Unheil abwendender roboterhafter Retter und Diener, andererseits unberechenbares Unheil heraufbeschwörendes anarchisches Monstrum, quasi die gestaltgewordene und durch keinerlei Ich konstruktiv auflösbare Dualität von Es und Über-Ich.

Dementsprechend läßt auch die Frankfurter Autorin und Illustratorin Anke Kuhl den Golem ihrer Comic-Erzählung Lehmriese lebt! Douglastannen aus dem Waldboden reißen, Menschen in die Lüfte schleudern und mit Rathausturmglocken herumlärmen, da die erwachsenen Bewohnerinnen und Bewohner der namenlosen Stadt dem neuen Mitglied ihrer Gemeinde zwar keineswegs mit Furcht oder Feindseligkeit begegnen, aber dessen ziellose Stärke aus Unachtsamkeit und Verständnismangel ständig ins Destruktive lenken. Ein Lehmriese taugt nun einmal nicht zum Förster oder Frisör, ist er doch das Produkt von Kinderhänden: Ulla und Olli haben ihn nach dem Baden am Fluss geformt (»Richtig schöner, fettiger Lehm, sagst du? Komm, wir bauen was Tolles mit dem Zeug!«), und erst sie können ihn, nachdem sie ihre Schöpferrolle und damit die Verantwortung annehmen, seiner wahren und Schiller zufolge ganzheitlich menschlichen, allgemein höchsten Bestimmung zuführen – dem Spielen.

Mit dem Kindercomicprogramm des Berliner Verlags Reprodukt wird nicht nur ein sehr junges Lesepublikum an die Eigenheiten und Möglichkeiten der Erzählkunstform Comic herangeführt, sondern auch mit dem legendären Tim-und-Struppi-Alben-Rückseite-Diktum »Für junge Leser von acht bis achtzig« in aller Breite Ernst gemacht. Neben dem äußerst charmanten (und textfreien) Kleinen Strubbel für die Allerjüngsten, einer lyrischen Wimmelbild-Vorlesegeschichte wie »Antonia war schon mal da« oder Luke Pearsons phänomenaler Hilda-Serie ist Anke Kuhls »Lehmriese lebt!« einer der bisherigen Veröffentlichungshöhepunkte.

In Kuhls buntstiftkolorierter Grafik fallen das Dynamisch-Unfertige, räumliche Akkuratesse und ein sicheres Gespür für latent humorige Unruhe aufs Beste in entspanntem Strich zusammen; der Rhythmus ist so gemächlich wie malerisch stolpernd (da werden über mehrere Panels hinweg Haare gewaschen oder ganzseitige Einkaufsflyer und auf dem Kopf stehende Löschschlauchbedienungsanleitungen eingeschoben); es gibt keine Angst vor Albern- oder Offenheit, ohne dass es je ins Alberne oder Unvollkommene kippte.

Insgesamt ist all das von einer komplett unangestrengten, Augsburger-Puppenkisten-haften und nicht zuletzt sprachlich extratrocken präsentierten Kauzigkeit, welche anthropomorphe Tierfiguren, lakonisch qualmende Kriminalkommissare, Supermarktkunden mit Einhorn und verwirrte Feuerwehrmänner völlig selbstverständlich zusammenbringt –  rund um die Golem-Figur, deren sinnbildliches Potential nicht penetrant didaktisch ausgefaselt wird, sondern sich in geradezu kabbalistischer Konsequenz im weder Acht- noch Achtzigjährige unterfordernden Zusammenspiel von Wort und Bild subtil entfaltet. Wie sich das für einen tollen Comic eben gehört.

Lehmriese lebt! von Anke Kuhl ist im Reprodukt Verlag erschienen. 96 Seiten, farbig, 17 x 24 cm, Hardcover. Erhältlich für 18 Euro in der Buchhandlung in der Halle für aktuelle Kunst.

Sven-Eric Wehmeyer lebt und arbeitet als freier Redakteur, Übersetzer und Lektor in Bielefeld.

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