© Deichtorhallen Hamburg

Rezension: Jacques Herzog und Pierre de Meuron – Trügerische Transparenz

VON MATTHIAS SCHÖNEBÄUMER    Jacques Herzog und Pierre de Meuron gehören zu den berühmtesten Architekten der Gegenwart. Die von ihnen entworfenen Gebäude wie die Tate Modern in London, die Allianz Arena in München, das Nationalstadion in Peking und neuerdings auch die Elbphilharmonie in Hamburg gelten als wegführend. Ihre Nähe zur Kunst haben die Architekten in zahlreichen Projekten und Künstlerkooperationen immer wieder bewiesen – zuletzt auch in der Ausstellung ELBPHILHARMONIE REVISITED in den Deichtorhallen. Joseph Beuys zählen beide Architekten zu ihrer maßgeblichen Inspirationsquelle.

Mit Trügerische Transparenz haben die Architekten der Elbphilharmonie nun ein lesenswertes Buch veröffentlicht, in dem sie der Transparenz in Kunst und Architektur auf den Grund gehen. Wie wird sie von Künstlern und Architekten eingesetzt? Welche Absichten verbergen sich dahinter? Was passiert, wenn plötzlich alles zum Vorschein kommt?

Gleich im Vorwort zeigen Herzog und de Meuron zwei unterschiedliche Linien in der Wahrnehmung von Transparenz auf: Während Künstler ihr lange Zeit eher mit Skepsis begegneten, – sie misstrauten dem Schein des Unverhüllten –, sahen Architekten spätestens seit der Moderne in ihr die Ideale einer offenen und besseren Gesellschaft im Einklang mit der Natur erfüllt. Nichts war mehr verhüllt, alles sollte sichtbar werden. Auf den folgenden Seiten stellen die Architekten in kurzen Kapiteln für sie entscheidende Positionen von Künstlern und Architektur vor, wobei das Interesse der Autoren vor allem jenen gilt, die mit Glas und Spiegeln arbeiten.

Das von Mies van der Rohe entworfene Farnsworth House in Plano, Illinois. © Carol Highsmith

Für diesen Essay angeregt wurden Herzog und de Meuron bei einem Besuch des berühmten Farnsworth House des Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Dieser hatte über das vollkommen verglaste Haus einmal gesagt, es bestünde aus »praktisch nichts«. Die Architekten beschlich bei der Begehung des Baus plötzlich Zweifel an der architektonischen Inszenierung des Hauses. Diese scharfsinnige Analyse und Kritik des Farnsworth Houses steht im Mittelpunkt des Buches – sie bildet sozusagen den Ausgangspunkt für Positionen zur Transparenz aus Kunst und Architektur, die Herzog und de Meuron in beide Leserichtungen um den Farnsworth-Essay herum gruppiert haben: rechts die Architekten (Bruno Taut, Ivan Leonidov), links die Künstler (Dan Graham, Gerhard Richter).

Allein der analytische Blick auf den Farnsworth-Bau von Mies van der Rohe lohnt ein Blick in das Buch. Der ikonisch verehrte Bau wird von den Architekten logisch durchleuchtet und dessen Funktionalität durchaus zweifelnd hinterfragt. Wunderbar anschaulich gelingt beispielsweise die Beobachtung des Raumes unter dem Haus anhand historischer Fotos (um Überschwemmungen zu vermeiden, wurde es auf Stelen gebaut), der die Architekten an dunkle Verbrechen im Verborgenen denken lässt. So kehrt sich Mies van der Rohes sublimes Transparenzversprechen in der Analyse der Architekten faktisch um: schön und erhaben – das schon. Doch statt einer neuen und reinen Verbindung zwischen Natur und Architektur wie sie Taut und Leonidov vorschwebte, entsteht in den Augen der Architekten etwas anderes: gespenstischer Un-Raum, Stress, Unsicherheit. Das Haus bleibt ein Statement, die Interaktivität zwischen Bewohner und Raum findet nicht statt.

Es sind genau diese Assoziationen, die von der Kunst weitergedacht werden: Dan Grahams »Entblössungen des Inneren« in seinen Glaspavillons und Architekturmodellen oder Gerhard Richters Arbeit Acht Grau beziehen den Betrachter und den ihn umgegebenden Raum unmittelbar mit ein. Transparenz wird lebendig und schafft kreative Energien, ohne, wie bei Mies van der Rohes Farnsworth House, als kalter Formwille zu verharren. Insofern ließe sich der Essay auch als Plädoyer für eine Architektur der aktiven Teilhabe durch den Benutzer lesen.

Trügerische Transparenz ist im positivsten Sinne ein sachliches Buch: klug aufgebaut, sprachlich präzise und mit sorgfältig ausgesuchten Bildern illustriert, werden vor allem Architekturliebhaber und –kenner darin genug Diskussionsstoff für ihren nächsten Elbphilharmonie-Besuch finden.

Trügerische Transparenz von Jacques Herzog und Pierre de Meuron ist bei Actar Publishers erschienen. 95 Seiten, gebunden mit zahlreichen Abbildungen. Erhältlich für 22 Euro in der Buchhandlung in der Halle für aktuelle Kunst.

Am Donnerstag, 30. März 2017 ist Jacques Herzog ist zu Gast bei dem Podiumsgespräch »TALKING ABOUT ART: Bauen Künstler die besseren Welten?« in der Halle für aktuelle Kunst (Beginn um 19 Uhr). Anlässlich der Ausstellung ELBPHILHARMONIE REVISITED diskutiert der Architekt gemeinsam mit den Künstlerinnen Sarah Morris und Monica Bonvicini über das Verhältnis zwischen Kunst und Architektur. Das Gespräch wird moderiert von Kolja Reichert, Journalist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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