Rezension: Katalog zur Ausstellung von Bill Viola

VON FRIEDHELM MENNEKES    Installationen wird die große Videoausstellung mit Werken von Bill Viola in Hamburg nüchtern genannt. Der weltbekannte amerikanische Videokünstler ist in diesem Sommer mit drei großen Retrospektiven in Europa vertreten: im Palazzo Strozzi Florenz, im Guggenheim Museum Bilbao und eben auch hier in der Hansestadt. In den aufwendig für die Ausstellung umgebauten Deichtorhallen sind beeindruckend sechzehn Video-Installationen in einen Parcours gestellt. Die Besucher durchschreiten verstört und wie gefesselt acht unterschiedlich inszenierte Räume und eine riesige Hallen, in einer alles überragend eine zehn Meter hohe Leinwand in den weit höheren Raum gestellt. Diese Inszenierung dokumentiert und erklärt ein ebenso nüchterner wie beachtlicher Katalog.

Anlass für diese konzentrierte Übersichtsschau ist überraschenderweise das Luther-Jubiläum 2017. Der Verdacht auf religiös relevante Verstehenswege mögen den Anlass gegeben haben. Schon der Wittenberger Maler Lucas Cranach d.Ä. hatte seinerzeit damit begonnen, dem reformierten Christentum neue Motive und Sehmuster erfolgreich zur Seite zu stellen. Sie war geprägt von einem erweiterten Kunstverständnis, einem autonomen Betrachten.

Die Ausstellung verlängert die kunstgeschichtliche Entwicklungslinie von Cranach und Dürer über Rembrandt und Rubens hinaus bis in die Kunst der Gegenwart. Bill Viola steht hier auf dem Gipfel. Seine bewegten Bilder ermöglichen eine passionierte, neue Sichtweise. Bill Viola steht mit anderen Zeitgenossen wie Joseph Beuys, Marlene Dumas, Jenny Holzer, Bruce Nauman oder Paul Thek in einer Reihe. Es geht um den Körper als Resonanzraum des Geistigen, um Freude, Lust und Leid sowie um Tod. Hier steht die Kunst in der Herausforderung, dem Niedergang den Aufstieg, der Angst ihre Überwindung entgegenzustellen. Die Kunst als Gegenpol zur Gravidität. Als Weg »nach oben«.

Bill Violas Werk »Tristan's Ascension« in den Deichtorhallen Hamburg © Felix Krebs/Deichtorhallen Hamburg

Wie viele verdanken auch diese Künstler wichtige Wegweisungen dem asiatischen Denken in Philosophie und Religion, aus dem Buddhismus und der islamischen Mystik. Von diesem weiten Feld im nahen und im fernen Osten ist Bill Viola seit Jahrzehnten inspiriert. Sie weiteten seine Visionen und ebenso seine bewegten Bildtechnologien. So wagemutig im einen, so führend ist er im anderen. Aber Reformation? In permanent geistig bewegter Kreation und Neuschöpfung?

Antworten auf diese Fragen geben die beeindruckende Ausstellung sowie der bemerkenswerte Katalog. So konzentriert die erstere, so sensibel, didaktisch und spannend letzterer: kurze Texte, brillante Bilder. Wir sehen gewaltige Elemente, tiefgründig unterschiedliche Zeitdehnungen und verwundernd fällt der Blick in Krisen und in Lebenssituationen, die den Augenblick überdauern.

Der Katalog zur Ausstellung führt nicht in platte Bedeutungen, sondern hebt erregend das einzelne Bild ins Persönliche. Es bleibt allemal eine tiefe Nachwirkung. Alles ist so konzentriert, wie es nur prophetische Geister zu fokussieren wissen. Und darin mag dann die Bild- und Denken reformierende Qualität und eine protestantische Relevanz liegen.

Ab Juli werden es drei gewichtige Kataloge aus Europa sein, die das Werk dieses großen Amerikaners dokumentieren. Eines ist jetzt schon klar: Der konzentrierteste unter ihnen ist ohne Frage der aus den Deichtorhallen in Hamburg. Er widmet sich den wichtigsten existentiellen Videoarbeiten von Bill Viola. Sie behandeln Fragen von Tod und Leben, von Wasser, Feuer, Wind und Erde; sie sind geprägt von Hoffnung und Zuversicht; sie schwanken zwischen Tod und Überleben; sie zeugen von einer Kunst, die nicht nur die Augen fixiert, sondern das Sehen selbst verändert: The Nantes Triptych (1992), The Greeting (1995), The Messenger (1996), Surrender (2001) Tristan’s Ascension (2005) und Martyrs (2014).

Friedheld Mennekes ist seit 1961 Mitglied des Jesuitenordens. Er studierte Philosophie, politische Wissenschaft und katholische Theologie. Seit 1980 ist er Professor für Praktische Theologie und Religionssoziologie an der Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Mennekes initiierte die Kunst-Station im Frankfurter Hauptbahnhof. 1987 gründete er die Kunst-Station an der Kölner Jesuitenkirche St. Peter, wo er bis 2001 als Pfarrer tätig war. Heute bekleidet er diverse Gast- und Honorarprofessuren.

Der Katalog zur Ausstellung BILL VIOLA – INSTALLATIONEN im Snoeck Verlag, herausgegeben von Dirk Luckow. 168 Seiten, Softcover mit dreiseitigem Farbschnitt, Format 32,5 x 21,5 cm, 80 farb. Abbildungen, Texte (dt./eng.) von Bill Viola, Dirk Luckow, Wulf Herzogenrath und Dorothee Böhm. 36 Euro im Buchhandel, 29,80 Euro in der Ausstellung. Erhältlich in der Buchhandlung in der Halle für aktuelle Kunst.

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