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Rezension: Peter Bialobrzeski – Die zweite Heimat

VON ANDREAS KRONAWITT   Der renommierte Fotograf und Professor für Fotografie Peter Bialobrzeski arbeitet schon seit weit mehr als einer Dekade zum Thema Heimat und hat nun in seinem jüngsten Buch Die Zweite Heimat seine neueste Facette dieses Begriffs vorgelegt. Parallel dazu werden die Arbeiten in einer Ausstellung im Haus der Photographie der Deichtorhallen noch bis zum 7. Januar gezeigt.

Heimat – ein strapazierter Begriff, gerade heute, im politischen Diskurs viel gebraucht und „historisch kontaminiert“, wie Henning Sußebach in seinem wunderbaren Begleittext zu dem Bildband schreibt. Ein unscharfer Begriff. Beschreibt er doch in erster Linie eine vage Idee, etwa eine Erinnerung, eine Befindlichkeit, ein Gefühl. Ein großes Unterfangen, so scheint es, all das in eine Fotografie packen zu wollen.

Der bei Hartmann books erschienene Bildband startet mit einem Verweis auf eine erste Serie betitelt mit Heimat (ebenfalls als Buch erschienen aber bereits vergriffen) und zeigt auf dem Vorsatzpapier vorn die Aufnahme einer Blaskapelle auf dem Nebelhorn aus 2004 und hinten ein Motiv vom Elbstrand in Hamburg mit Containerfrachter, ebenfalls 2004 aufgenommen. Etwas irritierend, weil ohne editorische Einordnung folgen dann auf den ersten Seiten frühe Arbeiten Bialobrzeskis aus den Jahren 1983 bis 1997. Diese Fotos sind im eher klassischen Reportageduktus aufgefasst und stammen aus Deutschland. Auch hier gibt es außer einer Ortsangabe und des Aufnahmedatums keinerlei weitere Einordnung, Notiz oder Erklärung. Es läßt sich nur vermuten; ist es ein Hinweis an den Leser, dass der Autor sich dem Thema Heimat seit langer Zeit und auf unterschiedliche fotografisch narrative Weise nähert?

An der Serie für dieses Buch hat Bialobrzeski von 2011 bis 2016 gearbeitet. Er ist dafür quer durch Deutschland gereist. Nun führt er uns in Sackgassen, in Hinterhöfe. Zeigt uns Kreuzungen und Fassaden – von Kaufhäusern, Würstchenbuden und von brach daliegenden ehemaligen Industriegebäuden. Architektur und Orte, das ist die Metapher für Bialobrzeskis Heimatbild. Der Mensch taucht in den Bildern vereinzelt auf, wirkt aber meist seltsam entrückt, wie platziert in einer Inszenierung, auf einer Bühne.

Verlassenheit und Vereinzelung scheint auch eines der Themen zu sein, die aus dieser Serie sprechen. Der Mensch in seinem gewohnten Habitat, aber irgendwie wirkt er in diesen Fotografien dennoch „fehl am Platz“, fremd. Die zweite Heimat ist also der zweite Versuch einer Annäherung von Peter Bialobrzeski an sein Heimatland Deutschland: „Ich versuche die soziale Oberfläche des Landes zu beschreiben und zu ergründen. Obschon die Architekturen in den Fotografien präsent sind, stellen sie nur einen Teil der bildnerischen Struktur dar.“

In seinem ersten Ansatz Heimat stand die Landschaft, die Idylle, das romantisierte Bild Deutschlands von den Alpen bis zur Küste im Fokus. Im neuen Buch zeigt uns Bialobrzeski einen weniger romantischen Blick auf Deutschland. Er stellt uns eher die deutschen „Unorte“ vor. Orte abseits der „Sehenswürdigkeiten“ und „schönen“ Landschaften.

Heimat, das beschreibt einen Blick auf die Welt und der ist nicht selten verklärend. Ganz anders scheint es hier in dieser Serie. Hier scheint nichts verklärt oder verschleiert. Ganz im Gegenteil, wirken die Abbilder deutscher Realität die der Fotograf uns liefert, mit ihrer Präzision, ihrem Detailreichtum und ihrer zurückgenommenen Bildgestaltung, als scheinen sie uns zu zwingen, genau hinzusehen und uns den Realitäten zu stellen.

Der dokumentarische Ansatz springt einen aus den Fotografien förmlich an. Durch die Strenge der Bildauffassung und Klarheit der Komposition erhalten die Fotografien große Präsenz. Dabei wirkt der fotografische Zugang kühl, distanziert und zugleich emotionslos. Die Fotos scheinen seltsam konstruiert, durch ihre Geradlinigkeit still und verschlossen. Gerade so als wollte sich der Fotograf vollkommen unsichtbar machen. Um uns eine Objektivität vorzutäuschen. Seine Autorenschaft, seine Subjektivität zu verschleiern? Doch Bialobrzeski erreicht durch die Geradlinigkeit der Bildauffassung und Klarheit der Komposition auch eine immens große Präsenz.

Es sind diese Seitenblicke, die „Unorte“ die Bialobrzeski auf seiner Reise entdeckt und gefunden hat, die durchaus geeignet sind, ein sehr emotionales Bild von Heimat im Betrachter wachzurufen oder zu entwickeln. Sie rufen Erinnerungen wach – an die eigene Kindheit und Jugend, an Orte der Vergangenheit. Manches Mal auch an ein Gefühl der Beklemmung, der Enge. Denn etwas trostlos wirkt es schon, dieses Deutschland.

Die zweite Heimat von Peter Bialobrzeski ist bei Hartmann books erschienen. 148 Seiten, 78 Bilder. Mit einem Text von Henning Sußebach, deutsch/englisch. Leinen bedruckt mit Prägung. Erhältlich für 38 Euro in der Buchhandlung in der Halle für aktuelle Kunst.

Andreas Kronawitt ist Fotochef beim STERN. Für den Blog der Buchhandlungen stellt er neue Fotobücher und Klassiker vor.

Buchvorstellung mit Peter Bialobrzeski:
Mittwoch, 1. November 2017, 19 Uhr
Bibliothek F. C. Gundlach im Haus der Photographie
Eintritt: 3 Euro

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