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Rezension: Werkstatt für Photographie 1976-1986

VON ANDREAS KRONAWITT    Die 60er und frühen 70er Jahre waren in Deutschland von Aufbruch, zivilem Ungehorsam und Demonstrationen geprägt. Die Studentenbewegung stellte den Wertekanon der Nachkriegsgesellschaft grundsätzlich in Frage. Ein Großteil der jungen Generation in Deutschland wollte ANDERS handeln, ANDERS sein, ANDERS leben als ihre Eltern.

In diesem Klima gründete Michael Schmidt in Berlin an der Volkshochschule Kreuzberg die Werkstatt für Photographie (WfPh). 40 Jahre ist das nun her. Die Werkstatt für Photographie war der Ort an dem Wegweisendes geschah. Es wurden in dieser für alle offenen Schule der Fotografie Fragen gestellt zum zeitgenössischem Blick und den möglichen Formen des Dokumentarischen in der Fotografie. Es ging dabei um nichts weniger als das Wesen der Fotografie, um Fotografie als eigenständige Kunstform, aber auch um Autorenschaft, um Dokumentarismus und Subjektivität. Es lag etwas in der Luft, das die Fotografie in ihrer Herangehensweise und in ihrer Rezeption nachhaltig verändern sollte.

Von 1976 bis 1986 gab es die Werkstatt für Photographie – fast eine Dekade, und sie war lange Zeit in Vergessenheit geraten. Durch einen Ausstellungszyklus und dieses gewichtige und umfangreiche Katalogbuch findet diese Ära nun zurück ins Bewußtsein.

Um es vorwegzunehmen: dies ist ein Fotobuch zur zeitgenössischen deutschen Fotografie und deren Protagonisten, das in keinem Bücherregal fehlen sollte. Es liefert sehr gut recherchierte und einordnende Texte und im Bildteil einen umfangreichen Überblick über das fotografische Schaffen der Mitglieder der WfPh und auch deren Vorbilder. Darunter sind so klingende Namen wie Stephen Shore, Robert Frank, Diane Arbus, William Eggleston, Larry Clark. Aber eben auch die wichtigen deutschen Positionen von Andreas Gursky über Joachim Brohm und nicht zuletzt bis zu Michael Schmidt sind vertreten.

Die anekdotenreichen und sehr persönlich gehaltenen Texte entführen den Leser in diese Zeit und vermitteln in ihrer Ausführlichkeit die damaligen Zusammenhänge und Strömungen. Zudem angereichert mit dokumentarischen Fotos und Porträts der Fotografen, entsteht ein sehr intimer Einblick in die zehn Jahre des Wirkens der Werkstatt für Photographie.

Die Herausgeber des umfangreichen Werks, Florian Ebner, Felix Hoffmann, Inka Schube und Thomas Weski und die weiteren Autoren (Klaus Honnef, Ute Eskildsen, Jörg Ludwig, Christine Frisinghelli, Virginia Heckert) dokumentieren, erklären und deuten die Einflüsse und Auswirkungen der Werkstatt für Photographie perspektiv- und kenntnisreich. Alle Autoren weiten den Blick und ordnen ein. Das hat an keiner Stelle etwas dozierendes, sondern ist unbedingt lesenswert.

Aber das Buch wirft nicht nur den Blick zurück. Zumindest in den Texten werden Bezüge zu aktuellen Strömungen und Konzepten in der Fotografie hergestellt. Man erfährt was in jener Epoche im Kunstbetrieb wichtige und einflußreiche Ereignisse (documenta 6) waren, welchen Stellenwert Fotografie dort hatte und welche Wirkungen und Einflüsse die WfPh bis in die Gegenwart hat.

Eine ganz wichtige Erkenntnis liefert das Buch: Es gab da also noch etwas neben der Düsseldorfer Schule und Otto Steinert an der Folkwang Schule Essen. So schreibt Florian Ebner in seinem Essay klug: »Es ist an der Zeit, dem Beitrag zur deutschen Fotografie der 1980er Jahre, den diese junge, rebellische Generation – künstlerisch-praktizierend oder institutionell-vermittelnd – leistet, mehr Beachtung zu schenken. Denn versteht man die Werkstatt für Photographie nicht nur als jene konkrete, inspirierende und zum Mythos gewordene Einrichtung der VHS Berlin-Kreuzberg, sondern auch als metaphorischen Ort für eine Form der Auseinandersetzung mit dem Medium insgesamt, die der Fotografie und der Wirklichkeit neue Sichtweisen abzugewinnen versucht…«

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Werkstatt für Photographie 1976-1986. Erschienen bei Koenig Books, hrsg. von Florian Ebner, Felix Hoffmann, Inka Schube & Thomas Weski. Berlin/Essen 2016/17. Texte von Florian Ebner, Felix Hoffmann, Inka Schube, Thomas Weski, Ute Eskildsen, Carolin Förster, Christine Frisinghelli, Virginia Heckert, Klaus Honnef & Jörg Ludwig. 24 x 27 cm. 392 S. mit 225 (150 farb.) teils ganz- bzw. doppelseit. Abb., Kurzbiographien, gebunden. Erhältlich für 39,80 Euro in der Buchhandlung im Haus der Photographie.

Andreas Kronawitt ist Fotochef beim STERN. Für den Blog der Buchhandlungen stellt er neue Fotobücher und Klassiker vor.

 

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