© Deichtorhallen Hamburg

Wenn ein Fotograf seinen Job wortwörtlich nimmt – Ein Interview mit dem Kurator Sebastian Lux über den Katalog zur Peter Keetman-Retrospektive

VON DANIÈLE DONDÉ   Vor 14 Jahren öffnete Sebastian Lux zum ersten Mal eine Schublade mit Arbeiten von Peter Keetman im Archiv der Stiftung F.C. Gundlach und blieb nachhaltig begeistert von dem, was er fand. Nach jahrelanger intensiver Recherche- und Archivarbeit wurde nun auch den Besuchern der Deichtorhallen das Werk Keetmans zugänglich gemacht und ein aufwändig gestalteter Katalog zur Ausstellung herausgegeben. Im Gespräch mit Sebastian Lux, dem Geschäftsführer der Stiftung F.C. Gundlach, gab es einiges an bemerkenswerten Details zu Keetmans Lebenswerk und dem Entstehungsprozess des retrospektiv angelegten Katalogs zu erfahren.

Herr Lux, wenn Sie den Katalog zur Ausstellung von Peter Keetman durchblättern, woran können Sie sich besonders erfreuen?
Ich denke, wirklich gut gelungen ist der Spagat zwischen dem wissenschaftlichen Anspruch an den Katalog einer Retrospektive, also das Gesamtwerk in seiner Entstehung und in seinem Umfang darzustellen, aber dabei nicht den Spaß aus den Augen zu verlieren. Wir sind inhaltlich, didaktisch und historisch anspruchsvoll geblieben und trotzdem bringt es Freude, durch den Katalog zu blättern oder einfach nur zu stöbern, ohne ihn dabei zum coffee table book verkommen zu lassen.

Courtesy Sebastian Lux

Mit Gerhard Steidl konnten Sie immerhin einen renommierten Verleger für das Projekt gewinnen…
Worauf ich auch besonders stolz bin! Bei den anspruchsvollen Bildern von Keetman ist besonders die Qualität bei der Umsetzung von der Vorlage in den Druck wichtig. So ein zartes Motiv wie beispielsweise die Wasseroberfläche des Katalogcovers arbeitet über das Spektrum an feinen Grautönen und geht dann in die gesamte Bandbreite von Hell und Dunkel. Das ist sehr schwer zu drucken. »Steidl’s Digital Darkroom«, wo wir die Scans erstellt und dann für den Print bearbeitet haben, wird da den höchsten Ansprüchen gerecht.

Außerdem ist die Papierqualität zu nennen, die wir nach den unterschiedlichen Ansprüchen der Themen im Katalog ausgewählt haben. Wie in der Ausstellung auch, unterscheiden wir zwischen den Bildern an der Wand und den auf den Tischen und wechseln so immer zwischen Tafelpapier und Werkpapier, wie es in der Buchbindersprache genannt wird. Das mehrfach gestrichene Tafelpapier gibt den Werkcharakter der Bilder wunderbar wieder, während das Werkpapier für alle ergänzenden Abbildungen, Motive oder Varianten von Motiven genutzt wurde und somit auch die Lesbarkeit sehr hoch ist.

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Die Retrospektive ist ja sehr umfangreich. Welche Themen werden im Katalog abgedeckt?
Keetmans Werk umfasst ja die unglaublich lange Bandbreite seiner Schaffensphase zwischen 1935 bis 2005. Das ist eine Masse an Bildern und somit auch eine sehr große Themenbandbreite. Außerdem haben wir Keetman ja auch nicht aus der Versenkung gekramt, er war ja bereits teilbekannt – wenn auch eher abgestempelt als Fotograf gefälliger Motive, wie etwa die spiegelnden Wassertropfen, die Grashalme oder eben die abstrakten Volkswagen-Objekte.

Wie arbeitet man als Kurator gegen ein solches Vorurteil an?
Wichtig war es uns bei der Ausstellung, wie auch bei der Konzeptualisierung des Katalogs, Keetman als den konzeptuell arbeitenden Künstler darzustellen, der er in Wirklichkeit ist. Also haben wir die Themen gruppiert, die ihn über Jahre, oder sogar sein gesamtes Leben hinweg begleitet haben. So sind auch die sechs Kapitel des Katalogs entstanden. Wir steigen ein mit den frühen Jahren und der Gründung von »fotoform«, dem Bruch und der Erneuerung, wo bildnerisch die Idee des Aufbruchs der Nachkriegszeit vermittelt wird und Bewegung das wichtigste Element ist, dann ein Kapitel zu den Naturstudien, der Struktur und Abstraktion, den Lichtpendelschwingungen, den Volkswagen-Studien und abschließend werden die experimentellen Objektstudien thematisiert.

Was begeistert Sie persönlich am Werk Keetmans?
Vor 14 Jahren, als ich in der Stiftung Gundlach angefangen hatte und das erste Mal die Schubladen mit den Keetman-Fotografien geöffnet habe, war ich sofort fasziniert von dem Gesamtwerk. Seine Arbeitsweise entspricht mir auch vollkommen – das ist diese nüchterne und strukturierte Herangehensweise mit einem poetischen Ergebnis.

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Haben Sie ein Lieblingswerk?
Ich kann eigentlich gar kein Einzelmotiv nennen, aber die Lichtpendelschwingungen finde ich wirklich großartig. Das sind Werke ohne Vorläufer, das gab es so zuvor nicht. Keetman hat mit der Essenz der Fotografie gearbeitet – »mit Licht zeichnen oder malen« ist ja die direkte Bedeutung. Das tat er in aller Konsequenz. Er wird völlig ungegenständlich, es geht allein um die Schwingung. Es gibt bei Keetman aber tatsächlich so unglaublich viele unterschiedliche Aspekte – das ist schwierig mich auf etwas festzulegen, es gibt immer Weiteres zu entdecken. Es handelt sich wirklich um ein rundum geschlossenes, fotografisches und künstlerisches Lebenswerk.

Welche Bedeutung messen Sie Keetmans Werk in Zukunft zu? Wie schätzen sie seinen Einfluß auf kommende Fotografen-Generationen ein?
Es ist tatsächlich so, dass sich viele zeitgenössische Fotografen und Künstler, bewusst oder unbewusst, auf Keetmans Bildsprache beziehen. Henrik Spohler beispielsweise sagt ganz explizit, Keetman sei sein großes Vorbild, er fotografiere wie er. Das lässt sich durch die Kunstgeschichte auch weiter so verfolgen, ein weiteres Beispiel wären Heinrich Heidersbergers Luminographien und Lichtpendelschwingungen.

Es schlummert also auch immer noch einiges Potential in Keetmans Werk?
Es befindet sich aber gerade an so einem breaking point, ich würde es mal als Schwellenwerk bezeichnen. Es hat vollkommen das Potential, tragend und dauerhaft in den Kanon der Kunstgeschichte aufgenommen zu werden, auch international. Dafür arbeiten wir ja auch in der Stiftung und hoffen, die Ausstellung auch noch ins Ausland tragen zu können. Es geht darum, einmal über einen gewissen Punkt hinaus zu kommen, dann wird sein Werk nicht mehr in die Vergessenheit geraten. Denn besonders dieser Moment nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich Keetman als kreative Kraft mit einer Gruppe an Fotografen vom Alten abgrenzt, sich abwendet und sagt, wir machen etwas vollkommen Neues, das ist kunsthistorisch ein sehr bedeutender Moment. Da wurde eine ganz neue Sprache, eine neue Grammatik für fotografische Kunst entwickelt.

Der Katalog zur Ausstellung PETER KEETMAN – GESTALTETE WELT. EIN FOTOGRAFISCHES LEBENSWERK ist erschienen im Steidl Verlag Göttingen. Herausgegeben von der Stiftung F.C. Gundlach und dem Museum Folkwang. 304 Seiten, 29 x 24 cm, Leineneinband mit Schutzumschlag. Erhältlich für 48 Euro in der Buchhandlung im Haus der Photographie.

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