Foto: Rahel Bruns

Kultur macht stark – Eine Workshopwoche in der Sammlung Falckenberg

Die Projektwoche in den Frühjahrsferien war Auftakt der Kultur macht stark-Kooperation »Verankert in Hamburg – Stadtgeschichten neu entdeckt« der Deichtorhallen Hamburg/Sammlung Falckenberg und des Museums für Hamburgische Geschichte, in deren Verlauf die Teilnehmerinnen zu Expertinnen ausgebildet werden, um als sogenannte »Peerteamer« ihr Wissen vor Ort in den Museen an Gleichaltrige weiterzugeben.

Foto: Rahel Bruns

Die künstlerische Projektbegleiterin Rahel Bruns über einen besonderen Workshop: Vom 14. bis 18. März 2016 fand in der Sammlung Falckenberg eine rasante Workshopwoche mit acht Mädchen von den Dollen Deerns e.V. in Lohbrügge im Alter von 9 bis 13 Jahren statt. Die Jugendlichen nutzten die besondere Atmosphäre des Hauses und eigneten sich zeichnend, malend, debattierend, tanzend und filmend das Werk Raymond Pettibons und die in der Sammlung fest installierten Räume an.

Die Mädchen durften die Ausstellung und Räume zum Teil turbulent und mit Musik erobern, wodurch sie ganz frei und ungehemmt das Ausstellungsgebäude intensiv kennenlernten. Die Darstellung von Gewalt und Sexualität – beispielsweise bei Pettibon – wurde heftig und produktiv diskutiert. Zu den Highlights der Woche gehörte neben dem Filmdreh mit unserem Medienpartner Hirn und Wanst der Besuch von externen Expertinnen. Stefanie Reimers zeigte der Gruppe die Installationen der Sammlung Falckenberg, inklusive Schiebelager. Laura Chase führte ein Stimm- und Körpertraining mit den Mädchen durch: Wie präsentiere ich mich einer Gruppe? Wie zeigt sich meine Begeisterung für eine Sache oder die Ablehnung derselben körperlich? Wie cool, begeistert, gelangweilt, euphorisch kann ich über ein Kunstwerk sprechen und wie fühlt sich das an?

Die Illustratorin und Bühnenbildnerin Sabine Flunker erarbeitete mit den Mädchen Postkarten mit eigenen Motiven, die als Einladung zur Abschlusspräsentation und für die nächste Runde des Projekts 2017 genutzt werden können. So wurden Impulse gesetzt und das bereits Erarbeitete aufgegriffen und weitergeführt, was wir dann wieder in der Arbeit im Workshopraum praktisch umsetzten. In Anlehnung an Pettibons Werk schufen die Mädchen eigene Bild-Text-Kombinationen. Texte dafür brachten sie von ihrer langen Anfahrt aus Lohbrügge mit: in ihren Skizzenbüchlein notierten sie Sätze aus dem Stadtbild, die ihnen besonders positiv oder negativ in Werbung, S-Bahnanzeigen usw. auffielen und sammelten Fetzen von Songtexten, die ihnen etwas bedeuteten. Diese setzten sie kombiniert mit eigenen abstrakten oder gegenständlichen Bildern mit Bleistift, Tusche und Kohle auf Papier oder mit Acrylfarbe auf Leinwand um. Wie von selbst ergab es sich, dass Musik – wie in Pettibons Arbeit – immer  wieder eine große Rolle spielte. Die auf den Smartphones der Mädchen gespeicherte Musik lief während der praktischen Arbeit und fand so Eingang in die Werke.

Foto: Rahel Bruns

Es war eine begeisterungsfähige Gruppe von Mädchen, mit denen wir eine intensive und anspruchsvolle Woche gestalteten. Kurz vor zwölf täglich standen sie vor dem Eingang zur Sammlung, blieben dann begeistert und begeisternd fünf Stunden bei der Sache und wollten häufig um 17 Uhr noch gar nicht so richtig nach Hause.

In den Pfingstferien werden die Dollen Deerns im nächsten Schritt das Museum für Hamburgische Geschichte gemeinsam mit der Kunstvermittlerin Alexandra Bode praktisch und theoretisch erkunden. Danach vermitteln sie als »Peer Team« einer Gruppe anderer Jugendlicher das Erarbeitete.

Die Postkartenedition, der Film sowie die Ergebnisse der praktischen Arbeit der Jugendlichen werden am Ende in einer Abschlusspräsentation am 22. Mai im Museum für Hamburgische Geschichte Familien, Freunden und Museumsbesuchern gezeigt.«

Rahel Bruns begleitet als freischaffende Künstlerin und freie Mitarbeiterin der Deichtorhallen Hamburg das Projekt. Sie ist Bildhauerin und lebt in Hamburg.


Der Film

Aufbauend auf dem Workshop-Programm entwickelten die Mädchen in der Woche gemeinsam mit dem Medienpartner Hirn und Wanst einen Film zum Projekt, insbesondere zur Raymond Pettibon Ausstellung ihre ganz persönliche Aneignung des White Cubes.

Foto: Rahel Bruns

»In kleinen Gruppen streiften wir durch die Ausstellung, um uns Filmvignetten zu den Lieblingswerken der Mädchen auszudenken: In die Projektion des Surfers „bauten“ die Mädchen sich kurzerhand als zusätzliche Wellen und Wellenreiterinnen ein, zu den Werken über die Comicfiguren Gumby und Vavoom erdachten sie improvisierend ihre eigenen, kleinen Fantasiegeschichten, im Kunstwerk am Eingang faszinierte sie die Figur des Detektivs und sie spielten mit verteilten Rollen eine Detektivgeschichte rund um einen Mord im Museum. Die Baseball-Bilder im 2. Stock konfrontierten sie mit einem eigenen Tanz, in dessen Choreografie sie die typischen Mooves von Baseballspielern einbauten.

Im Laufe der Woche stand für den Dreh ein komplettes Filmteam zur Verfügung, da alle Mädchen Lust hatten, verschiedene Aufgaben zu übernehmen. Es gab Ton- und Kamerafrauen, Regisseurinnen, eine Requisiteurin und Maskenbildnerin mit einem super Händchen für Kunstblut, ein Mädchen, welches am liebsten die Klappe geschlagen hat und natürlich jede Menge Schauspielerinnen. Die Mädchen haben Stück für Stück alle Gewerke, die bei jedem Film gebraucht werden, übernommen und wahnsinnig aufmerksam und verantwortungsvoll ausgeführt.

Im Schnitt entsteht nun aus diesen Kunst-Geschichten eine ganz besondere Art der Museumsführung. Ich bin schon sehr gespannt, wie die Mädchen auf ihren Film reagieren werden, mir hat die Arbeit mit ihnen und ihre umwerfende Leidenschaft auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht. Das nächste Mal, wenn ich ein Museum besuche, werde ich sie und ihre Flickflacks in den Museumsfluren sehr vermissen. So viel Begeisterung und unerwartete Ideen tun jedem Museum, jeder Ausstellung und wahrscheinlich auch allen Besuchern einfach nur gut!«

Kerstin Schaefer ist Regisseurin der Produktionsfirma Hirn und Wanst. Sie lebt in Hamburg-Wilhelmsburg, wo sie mit ihren Kollegen u.a. das erfolgreiche Format »Konspirative Küchenkonzerte« produziert.

Hier sehen Sie den Film zum Projekt in voller Länge:

Parallel zu diesem Projekt starten auch die Deichtorhallen Hamburg mit ihren Bündnispartnern Altonaer Museum, Jugendhaus St. Pauli, Zeit für Zukunft – Mentoren für Kinder e.V., GWA St. Pauli sowie dem Medienpartner TIDE. Das Projekt wird begleitet durch den Fotografen André Lützen.

Weitere Informationen zu »Verankert in Hamburg – Stadtgeschichten neu entdeckt« finden Sie unter www.museumsdienst-hamburg.de.

 

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